Die Ameise Lou

Hanno Börner

Lou begibt sich auf eine abenteurliche Reise, um endlich herauszufinden, wer oder was der Mond ist. Doch das Rüsselungeheuer macht es ihr nicht einfach und Lou gerät in Schwierigkeiten!

Nach Alter: Ab 3-5 Jahre

Nach Lesedauer: Ca. 20-30 Minuten

Die Ameise Lou

Die Ameise Lou (Seite 1 von 2)

Es war einmal eine Ameise, die hieß Lou. Lou lebte mit den anderen Ameisen ihres Volkes am Rande einer wunderschönen Waldlichtung. Dort gab es eigentlich alles, was man zu einem glücklichen Ameisenleben so braucht. Es gab genug zu essen und zu trinken, und auch Tannennadeln zum Bauen von Ameisenhaufen gab es in Hülle und Fülle. Lou aber wollte sich trotzdem nicht so recht glücklich fühlen, denn da war etwas, das sie unbedingt wissen wollte.

In der Nacht, wenn die anderen Ameisen alle längst schliefen, saß Lou oft noch wach. Sie saß auf einem Stein und betrachtete den Mond. Der Mond war mal groß und rund und sah aus wie ein gelber Ball oder ein Käse. Dann war der Mond schmal und gekrümmt und sah aus wie eine Banane oder eine Sichel. Außerdem gab es Nächte, da war der Mond gar nicht zu sehen. „Wer bist du, lieber Mond?“ fragte Lou manchmal in die stille Nacht hinein. Aber der Mond blieb stumm und gab keine Antwort. 

„Der Mond ist schön“, dachte Lou. „Aber er ist auch ein seltsames Ding und niemand weiß, wer oder was er eigentlich ist.“ Gerade das aber wollte Lou herausbekommen. „Du tickst ja nicht richtig!“ sagten die anderen Ameisen zu Lou. „Was geht uns Ameisen der Mond an! Er ist bloß langweilig und zu gar nichts nütze!“

Doch Lou ließ sich von ihrem Wunsch nicht abbringen. Sie wollte unbedingt herausfinden, wer oder was der Mond ist. Mit der Zeit fingen die anderen Ameisen deshalb an, sich über Lou lustig zu machen. „Seht mal, da kommt die mondäugige Träumerin!“ spotteten sie. Es kam soweit, dass keiner mehr mit Lou sprechen und niemand mehr Lou seine Freundin nennen wollte. Darüber war Lou sehr traurig. Aber was sollte sie machen? „Hier werde ich niemals erfahren, wer der Mond ist“, dachte Lou und seufzte. Eines Nachts aber fasste sie einen Entschluss. Lou wollte bis zum Mond wandern und ihm einen Besuch abstatten.

Noch in derselben Nacht stopfte Lou ihre Schlafdecke in einen Sack, tat etwas Proviant hinzu und machte sich heimlich auf den Weg. Sie wanderte die ganze Nacht hindurch, immer dorthin, wo der Mond am Himmel stand.
Als der Morgen dämmerte und der Mond verschwunden war, erreichte Lou eine Wiese. Müde und erschöpft wie sie war, legte sie sich in den Schatten eines Brombeerstrauches und schlief ein.

„He, du! Was machst du denn hier?“ hörte Lou noch halb im Traum eine Stimme rufen. Als sie die Augen aufschlug, war es längst Abend geworden und vor ihr stand ein Nachtfalter. „Hast du aber einen festen Schlaf!“ sagte der Nachtfalter. „Mindestens eine Stunde lang frage ich dich schon, was du hier machst. Ich war gerade dabei, die Lust am Fragen zu verlieren.“
„Ich willen den Mond besuchen“, sagte Lou.
„Den Mond?“ sagte der Nachtfalter. „Niemals! Das habe ich auch schon versucht. Der Mond ist eine Lampe, die so weit weg ist, dass sie niemand erreichen kann.“
„Eine Lampe?“ staunte Lou. „Meinst du wirklich?
„ Aber natürlich!“ sagte der Nachtfalter. „Ich verstehe etwas von Lampen. Wenn du willst, dann fliege ich dich an einen Ort, der in der Stadt liegt. Von da aus sieht man ganz genau, dass der Mond eine Lampe ist.“
„Gern!“ sagte Lou.

Lou hatte zuerst etwas Angst. Doch der Weg in die Stadt war weit und Lou gewöhnte sich ans Fliegen. Schließlich genoss sie es sogar.
Die Stadt war riesengroß. Als Lou hinabblickte, sah sie viele Lichter. Es kam ihr so vor, als flöge sie zwischen zwei Himmeln, einer über ihr, der andere unten.
„Da wären wir!“ sagte der Nachtfalter. „Von hier aus kann man den Mond am allerbesten sehen.“ Damit hatte der Nachtfalter recht, denn er war mit Lou bis auf die Spitze eines Fernsehturms geflogen. Lou staunte. Sie war noch nie in ihrem Leben so hoch über dem Erdboden gewesen. Der Nachtfalter aber verabschiedete sich bald von Lou. „Ich muss jetzt weiter“, sagte er einfach und dann war Lou allein auf dem Fernsehturm.

„Vielleicht stimmt es, was der Nachtfalter sagt“, dachte Lou. „Der Mond sieht wirklich ein bisschen so aus wie eine Lampe.“ Doch während Lou auf der Spitze des Fernsehturms saß, den Mond betrachtete und die Worte des Nachtfalters erwog, kam Wind auf. Zu Anfang blies der Wind nur leicht, dann stärker und bald so stark, dass Lou es langsam mit der Angst zu tun bekam. Da flog eine Möwe heran und setzte sich neben sie. „Bist du etwas lebensmüde, dass du hier einfach so ohne Flügel herumsitzt?“ sagte die Möwe.
„Nein“, sagte Lou, „ich will bloß zum Mond.“
„Zum Mond?“ sagte die Möwe. „Da bist du hier aber falsch. Der Mond ist eine große Muschel und Muscheln stammen bekanntlich aus dem Meer.“
„Meinst du wirklich?“ staunte Lou.
„Mein Ehrenwort!“ sagte die Möwe. „Ich komme selbst vom Meer und weiß, wovon ich spreche. Wenn du willst, dann kann ich dich hinbringen.“
„Gern!“ sagte Lou. Dann flog Lou auf dem Rücken der Möwe durch die windige Nacht ans Meer.

Das Meer war groß und weit und rauschte so laut, dass man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. Die Möwe setzte Lou direkt am Strand ab. „Wie bitte? Was sagst du?“ fragte Lou die Möwe. Aber die Möwe war einfach nicht zu verstehen. Das Meer rauschte und die Möwe schlug mit den Flügeln, und das sah aus, als würde sie winken. Und wirklich, da war die Möwe auch schon wieder in der Luft und flog davon. 

Der Himmel über dem Meer war grau und wolkenverhangen. Als es zu regnen begann, suchte Lou nach einem geschützten Platz. Doch wohin Lou auch blickte, der Strand war kahl wie eine riesengroße Glatze und bot nirgends Unterschlupf. Das Einzige, was Lou finden konnte, war eine leere Flasche und da kroch sie hinein. Dann machte sie es sich darin mit ihrer Schlafdecke bequem, so gut es in einer Flasche eben ging und schloss erschöpft die Augen. Doch während Lou schlief, fing das Meer an zu wachsen und kroch den Strand hinauf. Immer weiter kamen die Wellen, holten kleine Steine, Muschelschalen und Hölzer zurück ins Meer und umspülten bald auch die Flasche. Als Lou erwachte, trieb sie auf einmal weit, weit draußen auf dem Meer.

„Ob die Möwe gelogen hat?“ fragte sich Lou. „Nein, aus der Flasche sieht er wirklich beinahe so aus wie eine Muschel.“ Lou hatte viel Zeit, darüber nachzudenken. Die Flasche trieb tage- und nächtelang über das Meer. Stürme und schwere Gewitter hatte Lou in der Flasche zu überstehen. Manchmal dachte sie zurück an ihr Zuhause und dann wurde sie traurig. Doch eines Nachts legte die Flasche sich plötzlich auf die Seite und fing an zu kullern, so dass Lou ganz schwindlig wurde. Die Flasche war an einen Strand gespült worden und rollte über den Sand.

„Hier sieht alles ganz anders aus“, dachte Lou und damit hatte sie recht. Am Strand wuchsen nämlich Kokospalmen. Als Lou ein Stück ging und sich umsah, stieß sie gegen einen Stein. „Hoppla! Hast du etwa keine Augen im Kopf?“ sagte der Stein und dabei stellte sich heraus, dass er in Wirklichkeit eine Meeresschildkröte war.
„Doch“, sagte Lou. Dann erzählte Lou, wo sie hergekommen war und dass sie den Mond besuchen wollte.
„Den Mond willst du besuchen?“ sagte die Meeresschildkröte. „Da musst du in den Dschungel gehen. Im Dschungel gibt es eine Höhle. Darin versteckt sich der Mond, wenn die Sonne kommt.“
„Ist das wahr?“ staunte Lou.
„Wenn ich etwas schwören sollte, dann das!“ sagte die Meeresschildkröte. „Aber begleiten kann ich dich leider nicht. Denn an Land bin ich schwer wie ein Stein und langsam wie eine Schnecke.“

So ging Lou allein in den Dschungel. Der Dschungel war groß und überall wuchsen seltsame Pflanzen. Hier eine Höhle zu finden, war gar nicht so einfach. Einmal begegnete Lou einer Schlange mit böse blitzenden Augen. „Keine Angst!“ sagte die Schlange, „ich mag nur Frösche und Vogeleier. Ameisen sind mir viel zu sauer!“ Dann kroch die Schlange gemächlich weiter.
Lou hatte bald das Gefühl, im Kreis zu gehen. Da traf sie einen Kolibri, der hastig von Blüte zu Blüte flatterte. „Also wenn du mich fragst“, sagte der Kolibri, „dann ist der Mond die zweitschönste Blüte am Himmel. Die erstschönste ist die Sonne. Doch wenn du eine Höhle suchst, dann musst du dort entlang gehen.“

Der Kolibri kannte sich offenbar gut aus im Dschungel. Denn nach einer Weile kam Lou wirklich vor eine Höhle. In der Höhle war es stockfinster. Lou stellte sich vor den Eingang und spähte hinein. Sehen konnte sie nichts, doch hörte sie plötzlich ein leises Schnaufen.
„Gib dir keine Mühe, mich zu erkennen!“ sprach eine Stimme. „Hier drinnen ist es dunkler als in der dunkelsten Nacht!“
„Bist du der Mond?“ fragte Lou.
„Nein, der Mond bin ich nicht!“ sagte die Stimme und lachte.
„Wer bist du dann?“ fragte Lou.
„Ich bin das, was du dir ausdenkst!“ antwortete die Stimme.
„Und ich heiße so, wie du mich nennst!“
„Aber ich kann mir doch nicht einfach irgendetwas ausdenken!“ sagte Lou.

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