
Kapitel 1: Macht euch bereit, Drachendüser!
Darum geht's
Beim gemeinsamen Frühstück im Eistütenturm auf dem Flughafen Wolkenstein hört Pepe Peilung durch seine Spezial-Kopfhörer ein trauriges Weinen aus dem dichten Nebel. Sofort ruft Chefin Frau Wolle den Notfall aus und schickt das Team Drachendüser in den Einsatz.
„Wirklich? Noch ein Keks, Denno?“ Milla Motor grinste. Sie hielt einen sternförmigen Keks in die Höhe. „Du platzt doch gleich!“
Der winzige Drache saß auf der linken Schulter von Pepe Peilung. Er war klein. Sehr klein. Nicht größer als ein gut genährtes Eichhörnchen. Aber sein Appetit war riesig. Denno starrte den Keks an. Der Keks war dick mit Puderzucker bestäubt. Weiß, süß und glänzend, fast wie echter Sternenstaub.
Denno sperrte sein Maul weit auf. Milla warf den Keks. Zielgenau. Schnapp! Eine blitzschnelle Bewegung. Der Keks war weg. Einfach weggezaubert.
Der Mini-Drache kaute. Er schloss genießerisch die großen, leuchtend violetten Augen. Mmpf, mmpf. Dann ließ er ein leises, absolut zufriedenes Wölkchen aus der Nase puffen. Puff.
Das kleine Rauchwölkchen stieg zur Decke auf. Im ganzen Raum roch es sofort herrlich. Nach Zuckerwatte. Und nach Marshmallows über dem Lagerfeuer.
„Lecker“, kicherte Milla vergnügt. Sie klopfte sich die Krümel von ihrer Latzhose. Die Hose war gelb. Knallgelb. Milla trug diese Hose eigentlich immer. Sie war ihr Markenzeichen. Die Hose hatte unzählige Taschen. Schlaufen. Geheime Fächer mit Reißverschlüssen.
Milla bewegte sich auf ihrem Stuhl. Klimper. Schepper. Ratter. Es klirrte. Als würde sie eine ganze Werkstatt mit sich herumtragen. Und das tat sie auch.
Einmal zog sie einen Schraubenschlüssel aus der linken Hosentasche, nur um ein Marmeladenglas zu öffnen. Ein anderes Mal holte sie eine Rolle Klebeband aus der rechten Tasche, um einen gerissenen Schuh zu flicken. Und in der Brusttasche? Ganz nah am Herzen? Da bewahrte sie immer eine Tüte Notfall-Gummibärchen auf. Für den kleinen Hunger. Oder gegen schlechte Laune. Milla war einfach auf alles vorbereitet.
Die drei Freunde saßen am Frühstückstisch. Es war vielleicht der wunderlichste Frühstückstisch der ganzen Welt.
Er befand sich im Kontrollturm des Flughafens Wolkenstein. Und dieser Kontrollturm war kein graues Hochhaus. Er war nicht aus kaltem Beton. Er war nicht langweilig. Nein. Er sah aus wie eine gigantische, köstliche Eistüte. Als hätte ein hungriger Riese sie versehentlich in den Himmel gesteckt. Und dann vergessen.
Ganz unten war die Waffel. Knusprig braun. Mit dem typischen Karomuster. Dort wohnten die kleinen, fleißigen Gepäckwichtel.
Darüber türmten sich drei riesige Kugeln. Die unterste Kugel war Vanille-Gelb. Die große Werkstatt für Sättel und Zaumzeug. Die mittlere war Schlumpf-Blau. Dort war das Wetter-Labor. Und ganz oben? In schwindelerregender Höhe? Dort thronte die Erdbeer-Rosa-Kugel. Sie diente als Kontrollraum über den gesamten Flughafen. Genau dort saßen sie. In der rosa Kugel.
Rio Rakete saß Milla gegenüber. Oder besser gesagt: Er versuchte zu sitzen. Aber Stillsitzen war für Rio schwer. Schwerer, als einen Wackelpudding an die Wand zu nageln.
Rio rutschte hin und her. Er wippte vor und zurück. Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Tapp-Tapp-Tapp. Seine Füße baumelten. Sie wackelten. Es wirkte, als würde er im Sitzen sprinten.
Sein roter Fliegerschal flatterte. Dabei war gar kein Wind im Raum. Aber Rio bewegte sich so schnell, dass der Schal immer wehte.
„Milla!“, rief er plötzlich. Er schnippte seine Fliegerbrille auf die Stirn. Klack. „Sag mal, wie kannst du nur so ruhig kauen?“
Milla kaute weiter. Ganz entspannt. Rio wurde ungeduldig. „Eins, zwei, drei…“, zählte er. „Du kaust ja immer noch!“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist ja zum Einschlafen! Wir wollen endlich unsere Flugstunde starten!“
„Immer mit der Ruhe“, sagte da eine gemütliche Stimme. Es war Frau Wolle. Sie saß in ihrem Schaukelstuhl. Vor einem großen Steuerpult. Sie war die Chefin. Sie sah aus wie eine liebe Oma. In ihren grauen Haaren steckten Bleistifte. Sie trug eine bunte Strickjacke.
In ihren Händen klapperten Stricknadeln. Klick-klack. Klick-klack. Es ging rasend schnell. Sie strickte einen Schal. Grün und lila. Extralang.
Frau Wolle schob ihre Brille zurecht. Sie blickte streng zu Rio. Aber ihre Augen lachten. „Erst wird ausgetrunken“, sagte sie. Sie zeigte auf Rios Tasse. „Trink deinen Kakao, Rio. Das ist Kraftstoff für Drachenreiter.“
Rio seufzte laut. Er ließ sich auf den Stuhl plumpsen. Er nahm die Tasse und trank einen riesigen Schluck. Der Kakao war warm. Schokoladig. Süß. „Na, gut“, nuschelte er. Er hatte einen braunen Schokobart. „Aber nur schnell.“
Pepe Peilung saß auch mit am Tisch. Er hatte die Augen fest geschlossen. Auf seinen Ohren trug er riesige Kopfhörer. Die hatte er immer an. Sie sahen aus wie Suppenschüsseln. Alle nannten sie die „Lausch-Muscheln“.
Mit denen hörte Pepe alles. Er hörte das Gras wachsen. Er hörte die Regenwürmer husten. Er war das Ohr des Flughafens.
„Und du, Pepe? Bist du auch gleich fertig?“, versuchte Rio sich zu erkundigen, während er mit seinen Händen vor Pepes Gesicht wedelte.
Aber Pepe reagierte nicht. Er fasste an seinen Kopfhörer und drehte an einem kleinen Rädchen. Ganz langsam. Seine Stirn legte sich in Falten. Er lauschte.
Dann machte er: „Pscht!“ Es klang scharf. Wie ein Peitschenhieb.
Die Stricknadeln von Frau Wolle stoppten. Es wurde mucksmäuschenstill. Nur eine Fliege summte. Ssssss.
Alle starrten Pepe an. „Was ist?“, flüsterte Milla. „Wind? Sturm? Gewitter?“
Pepe schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er leise. „Das ist nicht der Wind.“ Er horchte wieder. „Der Wind pfeift. Das hier… das klingt anders.“ Er überlegte. „Es klingt nass. Und schwer.“ Er machte die Augen auf. Sie waren groß und dunkel. „Es kommt von unten. Ganz tief unten. Weit unter den Wolken. Es klingt nach einem Hilferuf.“
Plötzlich passierte es. Der Kakao in Rios Tasse zitterte. Kleine Kreise bildeten sich auf der Milch. Der Boden vibrierte. Ganz leicht. Die Löffel klirrten leise. Der kleine Drache Denno auf Pepes Schulter fing an zu fiepen. Er krallte sich fest.
Frau Wolle sprang auf. Sie legte das Strickzeug weg und rannte zum Fenster. „Donnerwetter“, murmelte sie. Ihre Stimme klang besorgt. „Das sieht gar nicht gut aus. Seht euch das an.“
Die Kinder drängten sich ans Fenster. Rio drückte die Nase platt. Unter dem Berg brodelte es. Eine dicke, graue Suppe. Nebel. Er sah aus wie schmutzige Watte. Er stieg höher und höher. Er wollte den Berg verschlucken.
Frau Wolle drehte sich um. Ihr Gesicht war ernst. Aber ruhig. Sie griff zum roten Mikrofon. Es sah aus wie eine Kirsche. Es knackte kurz. Dann hallte ihre Stimme durch den Turm. „Achtung, Wolken-Crew! Achtung!“ Sie machte eine Pause. „Das Frühstück ist beendet! Wir haben einen Notfall! Stufe Grau!“ Sie blickte in die Runde. „Macht euch bereit! Team Drachendüser! Etwas Großes braucht eure Hilfe!“
