Logo vom Kinderbuch "Airline Drachendüser – Notruf im Nebel", ein E-Book für Kinder ab 5 Jahren zum Vorlesen mit einer Gute-Nacht-Geschichte über Drachen, Piloten und Abenteuer

Kapitel 2: Der erste Ausritt in den Wald

Lesezeit: ca. 7 Minuten

Die Morgensonne blinzelte über die Gipfel der Tannen und verwandelte den Tau auf den Wiesen in Millionen glitzernder Diamanten. Auf dem Reiterhof Funkelstein herrschte eine ganz besondere Stille. Man hörte nur das ferne Hämmern eines Spechts und das leise Schlurfen der Besen in der Stallgasse.

Lori stand bereits am Stall. Ihre Reitstiefel glänzten fast so stark wie Saphirs schwarzes Fell. „Packen wir’s an, Saphir“, flüsterte sie dem großen Hengst zu. Saphir antwortete mit einem sanften Stupser gegen ihre Schulter. Lori lachte und drückte ihren Rücken ganz gerade durch. Heute fühlte sie sich besonders stark. Sie spürte die Kraft, die sie brauchte, um diesen Riesen sicher durch das Gelände zu lenken.

„Zack! Sattel drauf und festzurren!“, rief Phil. Er wirbelte um Stella herum, als hätte er Hummeln im Hintern. Er pfiff ein schnelles Lied und kontrollierte blitzschnell jeden Riemen. Er wippte auf seinen Zehenspitzen auf und ab. „Emma, guck mal! Ich habe heute die schnellen Knoten gemacht. Wir sind die Ersten am Tor!“

Emma lächelte nur ruhig. Sie strich Einstein ganz sanft über die Stirn, genau zwischen seine klugen Augen. „Wir haben keine Eile, oder Einstein?“, murmelte sie. Emma hatte ihr blaues Notizbuch tief in die Westentasche geschoben. Sie wollte heute alles aufschreiben: wie viele Rehe sie sahen und welche Blumen am Wegesrand ihre Köpfe aus der Erde streckten.

Dann kam Reitlehrerin Mia endlich auf ihrem Pferd in den Hof geritten. Sie lächelte die Kinder an.

„Seid ihr bereit?“, fragte sie laut. „Ich reite bei euch, aber ihr lenkt eure Pferde heute ganz allein. Ihr seid die Kapitäne!“

Lori spürte ein gewaltiges Kribbeln im Bauch. Es fühlte sich an wie hundert kleine Schmetterlinge, die umher flatterten. „Saphir und ich machen das!“, rief sie. Mit einem kräftigen Schwung saß sie im Sattel. Von hier oben sah die Welt ganz anders aus. Sie fühlte sich unbesiegbar, wie eine Königin auf einem schwarzen Thron.

„Na, dann! Auf geht’s!“, rief Mia.

Die Hufe der Pferde klapperten auf dem harten Boden. Dann erreichten sie den Waldrand. Der Boden wurde plötzlich weich und federnd. Es roch nach feuchtem Moos, nach alten Pilzen und nach der frischen, kühlen Luft des Frühlings.

„Guck mal, Lori! Wie schnell ich bin!“, rief Phil. Er ließ Stella ein kleines Stück schneller traben. Die Stute schüttelte ihre Mähne und das Leder des Sattels knarrte leise. Phil lachte laut auf. „Blitzschnell! Wir sind wie der Wind!“

Lori genoss das Gefühl. Saphir bewegte sich geschmeidig unter ihr. Sie spürte jedes Spiel seiner starken Muskeln. Sie musste nur ganz leicht am Zügel zupfen und er verstand sofort, was sie wollte. Das war Freiheit! Kein Zaun, keine Reithalle. Nur sie, Saphir und der endlose, grüne Wald.

Plötzlich zügelte Emma ihren Einstein. Sie blieb stehen und kniff die Augen zusammen. „Wartet mal kurz!“, rief sie den anderen zu.

Lori und Phil drehten sich um. Saphir schnaubte ungeduldig. „Komm schon, Emma! Nicht trödeln!“, rief Phil. „Wir wollen doch zum Bach!“

„Seht euch das mal an“, sagte Emma und deutete mit dem Finger tief in das Gebüsch abseits des Weges. Unter einer großen Tanne lag ein seltsamer Haufen. Er bestand aus trockenen Ästen, Reisig und…

„Sind das etwa alte Weihnachtsbäume?“, fragte Emma verwundert. Tatsächlich. Zwischen den frischen grünen Farnen lagen braune, vertrocknete Tannen. An einer hingen sogar noch kleine Reste von silbernem Lametta, das in der Sonne funkelte.

Lori ritt mit Saphir ein Stück näher heran. Saphir streckte den Hals aus und schnupperte an dem Haufen. „Bestimmt hat das der Wind dorthin geweht“, sagte Lori kurz angebunden. „Oder Florian räumt im Wald auf. Packen wir’s wieder an, wir wollen weiter!“

„Aber das ergibt keinen Sinn“, erklärte Emma bedacht. „Weihnachten ist doch lange vorbei. Und warum liegen sie hier so ordentlich auf einem Haufen? Es sieht fast so aus, als hätte sie jemand absichtlich hier versteckt.“

Phil verdrehte die Augen. „Emma, du denkst mal wieder viel zu viel nach! Vielleicht ist das ein geheimes Nest für Waldtrolle. Zack-Bumm, weiter geht’s!“ Er gab Stella ein Zeichen und sie trabte mit einem frechen Wiehern an Emma vorbei.

Emma sah sich noch einmal um. Da war noch ein Haufen. Und dort drüben, hinter der dicken alten Buche, noch einer. Die Vögel im Wald zwitscherten zwar fröhlich, aber hier bei den Holzhaufen fühlte es sich irgendwie… beobachtet an.

„Kommt ihr?“, rief Mia von vorne. Sie wartete auf einer kleinen Lichtung.

„Wir kommen!“, rief Lori. Sie gab Saphir einen sanften Klaps auf den Hals. „Komm schon, Emma. Das sind nur alte Stöcke.“

Emma gab Einstein das Zeichen zum Weiterreiten. Einstein schnaubte laut und schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: Ich finde das auch komisch. Sie trabten den anderen hinterher, aber Emma konnte die Häufchen nicht vergessen. Warum lag hier so viel trockenes Holz gestapelt rum?

Der Weg führte sie tiefer in den Schwarzwald. Die Tannen wurden immer höher. Lori fühlte sich immer noch großartig. Sie lenkte Saphir geschickt um jede Wurzel.

Doch als sie an einer dichten Gruppe von Büschen vorbeikamen, passierte etwas Seltsames. Die Pferde spitzten gleichzeitig die Ohren. Saphir blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Er blähte die Nüstern auf und schnaubte misstrauisch. 

Lori spürte, wie Saphirs Rücken unter ihr ganz fest wurde. „Was hast du, Großer?“, flüsterte sie. Sie sah sich um, konnte aber nichts entdecken. Nur das leise Rascheln der Blätter im Wind.

„Habt ihr das auch gehört?“, fragte Emma leise. Ihr Herz klopfte jetzt schnell.

„Was denn?“, fragte Phil. Er wirkte zum ersten Mal weniger mutig. Er nestelte nervös an seinem Reithandschuh.

„Ein Knacken“, sagte Emma. „Als wäre da jemand im Gebüsch.“

Lori schüttelte den Kopf. „Das war bestimmt nur ein Reh. Keine Sorge, wir sind doch zusammen.“ Sie reckte das Kinn nach vorne. „Ich reite vorne!“

Sie setzten ihren Ritt fort, aber die Leichtigkeit war verflogen. Emma blickte immer wieder über ihre Schulter. Sie hatte das ungute Gefühl, dass jemand hinter den dicken Stämmen stand und sie genau beobachtete.

Als sie schließlich wieder auf den Hof Funkelstein einritten, sahen sie Stallmeister Florian. „Wer macht denn sowas…“, murmelte er, als die Kinder an ihm vorbeiritten. „Wenn das so weitergeht, fällt unser großes Osterfeuer ins Wasser.“

Emma sah Lori und Phil an. Phil tat so, als hätte er nichts gehört. Lori klopfte Saphir den Staub aus dem Fell. Aber Emma blieb stehen. Sie wusste jetzt ganz sicher: Das war kein Zufall. Jemand stahl das Holz vom Hof und brachte es in den Wald. Aber wer?

Sie blickte zurück zum Waldrand. Dort, im tiefen Schatten, glaubte sie für einen winzigen Augenblick etwas zu sehen. War das ein grüner Umhang? Oder waren es nur Blätter im Wind?

Eines war klar: Das Rätsel von Funkelstein hatte gerade erst begonnen.

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