Logo zum Kinderbuch "Albert und Mimi – Eine besondere Freundschaft und ein echter Kriminalfall", ein Bilderbuch zum Vorlesen ab 5 Jahren über ein tierisches Detektivabenteuer voller Freundschaft, Vielfalt und Zusammenhalt
Beitragsbild zum Kapitel 1 "Vom Überfall auf ein Floß und warum ein genervter Kater zum Käseretter wird" aus dem Kinderbuch "Albert und Mimi – Eine besondere Freundschaft und ein echter Kriminalfall", ein Bilderbuch zum Vorlesen ab 5 Jahren über ein tierisches Detektivabenteuer voller Freundschaft, Vielfalt und Zusammenhalt

Die Auserwählte des Zauberbuchs 1/3

🎯 ab 11 Jahren

🕔 ca. 9 Minuten

📚 aus dem Fantasyroman: Marlene – Die Auserwählte des Zauberbuchs

Darum geht's

Auf einem Waldspaziergang mit ihren Eltern ist Marlene mal wieder gelangweilt. Lieber würde sie sich in ihren Büchern über Fabel- und Fantasiewesen vertiefen. Da entdeckt Marlene eine merkwürdige Gestalt im Wald, die nicht in diese Welt gehört. Sie folgt dem Mädchen mit rotem Haar und spitzen Ohren und plötzlich öffnet sich ein magisches Portal mitten im Wald.

»So ein langweiliger Waldspaziergang! Jeden Sonntag das Gleiche«, grummelte Marlene und lief extra noch ein bisschen langsamer, um ihre Eltern etwas zu ärgern. Mama, die sich einige Schritte vor ihr bei Papa untergehakt hatte, drehte sich kurz um. »Du verschwindest noch hinter deinen Büchern. Dein Gesicht ist schon ganz blass. Ein bisschen frische Luft tut dir ganz gut. Glaub mir.«

Wenn sie wüsste, dass es gar nicht so sehr um das draußen Sein ging, sondern mehr um dieses langweilige Geradeauslaufen ohne Sinn und ohne ein wirkliches Ziel zu haben. Marlene jammerte: »Wo wollen wir eigentlich genau hin? Können wir dann nicht wenigstens beim Eiscafé DaVinci Halt machen? Mir ist heiß und ich brauche eine Abkühlung …«

Ihre Mutter, Elise Maulbeer, blieb ruckartig stehen und schaute sie mit diesem schrecklich verständnisvollen Blick an, den sie als Kindergartenleiterin auch den lieben Kleinen zuwarf:

»Unsere ganze Woche ist hektisch und schnell. Lass die Schönheit der Natur doch einfach mal auf dich wirken und entspanne dich. Das ist das Ziel.« Jürgen Maulbeer drückte seiner Tochter einen Kuss auf den Scheitel. »Deine Mutter hat recht, Spätzchen. Vergiss mal für einen Augenblick deine Feen und Trolleriche. Schau dich um! Hier gibt es auch viel Spannendes zu entdecken.«

Marlene zog die Augenbrauen zusammen. »Trolle, Papa. Nicht Trolleriche.«

»Wie auch immer, mein Sonnenschein. Nun hab dich nicht so und komm.«

Das war ja wieder so typisch für die zwei. Ihre Eltern nahmen sie überhaupt nicht ernst. Für Mama war ihre Leidenschaft für Fantasiebücher nur eine Findungsphase auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens. Auch Papa, der den ganzen Tag nur Zahlen und kryptische Wortfetzen in seinen hell strahlenden Computer eingab, interessierten fabelhafte Wesen und Geschichten nicht die Bohne.

Marlene schmollte weiter. Die Natur auf sich wirken lassen … Pfft! Was waren schon die zwitschernden Vögel gegen Drachen mit Augen, wie glühende Kohlen und das Hopsen der Eichhörnchen gegen das Hufeschmettern der Zentauren oder das furchteinflößende Stampfen von Steintrollen? Alles hier war so schrecklich normal, ohne das leiseste Flüstern eines Versprechens auf Abenteuer.

Marlene schnaubte und kickte einen Tannenzapfen weg. Nach einem dumpfen „Plonk“ hörte sie ein entsetztes „Aua!“. Marlene verließ den Weg und trat zwischen die ersten dünnen, dicht nebeneinander stehenden Baumstämme.

»Es tut mir leid, wenn ich Sie getroffen haben sollte. Das war nicht mit Absicht!«, rief sie vorsichtig in den Wald hinein.

»War es doch, du ungehobeltes Menschenkind!«, schimpfte jemand, dessen Stimme komisch entfernt klang.

Marlene blickte sich suchend um. Niemand war zu sehen. Wer trieb da ein solches Spiel mit ihr? Sie schüttelte den Kopf. Bevor Marlene sich jedoch zum Gehen umwandte, flüsterte sie mit Nachdruck: »War es nicht!«

Da traf sie ein Tannenzapfen an der rechten Schulter. Ein Mädchen mit rotem Haar, aus dem zwei spitze Ohren hervorlugten, war hinter einem dicken Baumstamm hervorgetreten. 

Gerade ließ die Gestalt schnell wieder ihren Arm sinken. Marlene wollte auf sie zugehen, hielt jedoch inne. Mit dem Mädchen stimmte etwas nicht. Es war da und doch nicht wirklich da. Der Körper war ein Schatten seiner selbst, so blass, dass man die Bäume durch ihn hindurch sehen konnte.

Als das seltsame Mädchen Marlenes erstaunten Blick bemerkte, schaute es sie aus vor Schreck geweiteten Augen an. »Oh, nein! Das darf nicht sein. Du darfst mich nicht sehen!«, flüsterte es erschrocken. Das Mädchen drehte sich mit Schwung um, sodass sein Mantel wie eine grüne Welle über ihm zusammenschlug und rannte davon.

Marlene stutzte, lief dem Mädchen dann aber doch nach. »So warte doch, ich tue dir nichts!« 

Das Mädchen aber dachte nicht daran, anzuhalten. Es schaute immer wieder nervös über die Schulter, bewegte sich im schnellen Zickzack und war plötzlich verschwunden – wie vom Waldboden verschluckt.

Marlene blieb stehen. Die Beine zitterten und ihre Brust brannte von der rasanten Verfolgungsjagd. Schwer atmend hob sie ihren Kopf und schaute sich noch ein letztes Mal suchend um.

Da! Ganz schwach im schummrigen Licht der späten Nachmittagssonne sah sie die blasse Gestalt zwischen den Mauern einer Ruine verschwinden.

»Hab ich dich!«, flüsterte Marlene und fragte sich dann, warum sie diese alten Steinhaufen bei den bisherigen Spaziergängen mit ihren Eltern nicht bemerkt hatte. Sie zuckte mit den Schultern. Vermutlich waren sie immer brav den Wanderwegen gefolgt und noch nie in diesem Teil des Waldes gewesen. Kein Grund, jetzt einen Rückzieher zu machen!

Sie zwang ihr schnell schlagendes Herz zur Ruhe und setzte einen Fuß auf die niedrige Mauer. Vor Jahrhunderten wohl ein beeindruckender Schutzwall gewesen, hielten nun die von Witterung und Zeit geschundenen Steine kaum ihr Gewicht aus.

Schnell sprang sie in den Innenhof der Ruine, bevor sie es sich noch einmal anders überlegen konnte. Marlene drehte sich langsam einmal um sich selbst. Lose aufeinandergestapelte Steine markierten Gebäude, die früher vielleicht einmal Gesindehäuser, ein Stall oder eine Schmiede gewesen sein könnten. Treppenstufen führten an einer Wand ins Leere. Auf einigen Stufen waren helle Sonnenflecken. Die Strahlen erreichten den kühlen Stein durch kleine Vierecke, die in die Mauer eingelassen waren.

Auf der linken Seite befand sich ein Turm, auf dessen Spitze jemand eine Flagge gehisst hatte. Marlene sah ganz deutlich, dass sich der Stoff wild im Wind bewegte, doch sie hörte kein Flattergeräusch. Man sollte es aber hören! Überhaupt war es hier merkwürdig still: kein Vogelgezwitscher, kein Blätterrauschen. Marlene wurde es nun doch etwas zu komisch.

»Du träumst, Marlene! Du musst das hier alles träumen. Schattenmädchen, gruselige Ruinen – du hättest das spannende Buch aus dem Antiquariat gestern Nacht einfach zuklappen sollen! Ich bin nur müde und reime mir komische Dinge zusammen – das ist alles!«, versuchte sie sich zu beruhigen.

Doch dann zuckte sie zusammen, als sie doch etwas hörte: ein Raunen, als würde etwas, das sehr lange geschwiegen hatte, seine Stimme erheben. Es gelangte nicht deutlich genug an ihr Ohr, zerrte aber an ihr. Es wollte, dass sie lauschte. Marlene schüttelte leicht den Kopf. Nein! Sie würde jetzt nicht kneifen. Möglicherweise war das ja ihre Chance auf ein wirkliches Abenteuer!

Marlene umging eine Seitenmauer aus gesprungenen Steinen. Und machte gleich wieder drei Schritte zurück, um sich dahinter verstecken zu können. Das blasse Mädchen war noch hier! Fast wie ein Geist – oder eben nicht. Vielleicht handelte es sich hierbei wirklich um ein übernatürliches Wesen?! Es bewegte sich schwebend leicht auf einen Torbogen zu und blieb davor eine ganze Weile einfach nur still stehen. Marlene presste ihren Rücken fest

an die Mauer, um nicht entdeckt zu werden. Den Kopf hielt sie weit zur Seite gedreht, um etwas sehen zu können. Mit jeder verstreichenden Sekunde schmerzte ihr Nacken mehr und die Kanten der Steine bohrten sich etwas tiefer in ihren dünnen Pullover.

Doch Marlene bewegte sich keinen Millimeter.

Da hob die Gestalt die Arme und hielt die offenen Handflächen zum Bogen hin. Ein paar merkwürdig klingende Worte wurden von ihr mehr gehaucht als geflüstert. Sie wiederholte

diese immer wieder, bis auf ihrer Stirn ein Netz aus feinen Linien erglomm. Ihre Stimme wurde lauter, die Linien heller. Nun schien es fast, als würde die zarte Person selbst aus Licht bestehen.

Dann fiel ein erster Tropfen, glänzend wie Gold, zu Boden. Ihm folgten mehr und mehr, bis daraus ein wahrer Goldregen wurde. Das Mädchen blickte sich noch ein letztes Mal um, bevor es den Mantel enger um sich zog und hindurchschritt. Dann war es verschwunden. Einfach verschwunden! Das merkwürdige Mädchen kam auf der anderen Seite des Goldregens nicht mehr heraus.

»Folge ihr! Wir sind bei dir. Das Portal wird dich passieren lassen.«

Wieder hörte Marlene die merkwürdigen Stimmen, aber diesmal sprachen sie Worte, die Marlene verstand. Sie riss die Augen weit auf, drehte ihren Kopf wild nach rechts und links. Da war niemand! Die Stimmen schienen nur in ihrem Kopf zu sein.

Trotzdem sagte Marlene laut: »Ich bin nicht die, für die ihr mich haltet! Ich werde und kann da nicht hindurchgehen!«

Da durchfuhr ihren Körper ein kräftiges Rauschen. Die Lautstärke der Stimmen schwoll an: Sie flehten, schimpften, baten sie, zuzuhören.

»Du bist es! Du bist es! Bring uns nach Hause, bitte!«

Die goldene Lichtquelle am Torbogen versiegte langsam. Marlenes Herz klopfte wild in ihrer Brust. Sie machte einen vorsichtigen Schritt auf das Portal zu. Nur noch ein paar Tropfen fielen herab. Für das Abwägen einer mutigen oder einer vollkommen wahnwitzigen Entscheidung blieb keine Zeit. Ihr Körper reagierte, noch bevor ihr Kopf einen Gedanken formen konnte. Sie rannte hindurch.

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