
Kapitel 1: Ostern auf dem Reiterhof Funkelstein
Darum geht's
Endlich sind Osterferien auf dem Reiterhof Funkelstein! Für die drei Freunde Lori, Phil und Emma gibt es nichts Schöneres, als endlich wieder Zeit mit ihren Pferden Saphir, Stella und Einstein zu verbringen. Nur warum ist Stallmeister Florian so aufgebracht?
Das schwere Holztor des Reiterhofs Funkelstein knarzte so laut, als wollte es den ganzen Schwarzwald aufwecken. Lori wartete nicht einmal, bis das Auto ganz stand. „Endlich Osterferien!“, rief sie, drückte die Autotür auf und sprang mitten in den Matsch der Hofeinfahrt. Braune Spritzer landeten auf ihren Schuhen, aber das war Lori egal. Sie atmete tief ein. Es roch nach kühlen Tannennadeln, nach den ersten Frühlingsblumen und diesem ganz besonderen Duft, den es nur hier gab: nach warmem Pferdefell und Freiheit.
In den Fenstern des Gutshauses hingen bunt bemalte Eier, und am Wegrand leuchteten gelbe Osterglocken aus dem Gras. „Lori! Dein Koffer!“, rief ihr Vater, aber Lori war schon auf halbem Weg zum Stall. Sie krempelte die Ärmel ihres Hemdes hoch. Ihre Arme fühlten sich stark an. „Keine Zeit!“, rief sie. „Saphir wartet!“
Plötzlich schoss ein Junge wie ein geölter Blitz hinter der Scheune hervor. Er balancierte auf einer schmalen Mauer, die Arme weit ausgestreckt. „Zack! Und geschafft!“, rief er und sprang mit einer perfekten Drehung in den Sand. Es war Phil. Er trug seine Reithandschuhe bereits, obwohl auch er gerade erst angekommen war.
„Lori! Endlich!“, schrie Phil und wirbelte um seine eigene Achse. Er konnte nicht eine Sekunde stillstehen. Seine Beine zappelten vor Freude. „Ich bin schon seit zehn Minuten hier. Ich habe schon die neue Kletterwand gecheckt. Schnell, komm mit! Wir müssen nachsehen, ob der Osterhase schon da war!“
„Halt mal die Luft an, Phil“, lachte Lori und gab ihm einen freundlichen Stoß gegen die Schulter. „Wo ist Emma?“
„Da seid ihr ja“, sagte eine ruhige Stimme. Unter der riesigen Eiche am Rand des Hofes saß Emma. Sie hielt ein blaues Notizbuch in der Hand und einen Bleistift hinter dem Ohr. „Ich habe gerade die ersten Schwalben gezählt“, sagte sie lächelnd.
„Emma!“, riefen Lori und Phil gleichzeitig. Die drei Freunde stürmten aufeinander zu und fielen sich in die Arme. Ein ganzes Jahr lang hatten sie sich nicht gesehen. Lori kam von der windigen Ostsee, Emma aus den Bergen in Bayern und Phil aus dem lauten Berlin. Sie sahen sich zwar selten, aber hier auf Funkelstein waren sie ein unschlagbares Team.
„Schaut mal“, sagte Emma und deutete zum Stall. „Die Schwalben bauen ihre Nester pünktlich zum Osterfest. Und Einstein hat eine neue, grüne Decke bekommen, passend zum Frühlingsgras.“
„Du siehst auch echt alles!“, staunte Phil und hüpfte von einem Bein auf das andere. „Komm schon, wir müssen zu den Pferden!“
Gemeinsam rannten sie los. Ihre Schritte klangen wie ein lauter Trommelwirbel. Im Stall war es angenehm kühl. Das Sonnenlicht fiel in langen Streifen durch die Fenster und ließ den Staub tanzen. Lori blieb vor der ersten Box stehen. Ein tiefes Schnauben begrüßte sie. Saphir, der große schwarze Hengst, streckte seinen Kopf über die Tür. Lori legte ihre Hand an seine warme Nase. „Na, du Riese? Schön, dich endlich wiederzusehen! Freust du dich auch schon so auf die Osterferien?“
Ein paar Boxen weiter war Phil bereits über das Gatter geklettert. „Stella! Guck mal!“, rief er. Phil zog blitzschnell eine Karotte aus seiner Tasche. „Ein Oster-Snack für die schnellste Stute der Welt!“
Emma stand ganz still vor Einstein. Der ältere Hengst mit der weißen Blesse betrachtete sie klug. Sie strich ihm zart über das weiche Fell. „Du hast neue graue Härchen bekommen, Einstein“, flüsterte sie. „Du bist jetzt noch schlauer als letztes Jahr.“
„So, ihr zwei!“, rief Lori und schleppte zwei schwere Putzkisten heran. „Wir machen sie für morgen startklar!“
Es begann ein großes Wuseln. Phil schrubbte Stella so schnell, dass eine kleine Staubwolke entstand. Er pfiff ein Lied und sprang von einer Seite des Pferdes zur anderen. Emma arbeitete gründlich und säuberte jeden Huf genau. Dabei hielt sie inne. Sie deutete zur Feuerstelle, an der jedes Jahr das große Osterfeuer stattfand. Stallmeister Florian lief dort mit einem ernsten Gesicht herum.
„Was macht er da?“, fragte Phil. „Er sieht aus, als hätte er eine saure Zitrone gegessen.“
„Er scheint irgendetwas auf dem Boden zu suchen“, beobachtete Emma. Dann zuckte sie mit den Schultern und wand sich wieder Einstein zu.
In diesem Moment trat Reitlehrerin Mia in den Stall. Ihre Lederstiefel machten Klick-Klack auf dem harten Boden. „Hallo, ihr drei!“, rief sie und ihre Augen strahlten. „Schön, dass das Team Funkelstein pünktlich zu Ostern wieder komplett ist. Ich sehe, ihr seid schon fleißig. Und wisst ihr was? Morgen ist es endlich so weit.“
Loris Herz machte einen gewaltigen Sprung. Sie klopfte Saphir fest auf den Hals. „Meinst du … unseren ersten richtigen Ausritt im Wald?“
„Genau“, sagte Mia und nickte. „Ein besonderes Ostergeschenk für euch. Wir reiten richtig hinaus. Über die grünen Felder, am Bach entlang und bis tief in den Schwarzwald hinein. Und das Beste ist: Ihr seid jetzt alt genug. Ich begleite euch zwar, aber niemand wird eure Pferde mehr führen. Ihr reitet ganz allein!“
„Ganz allein?“, wiederholte Phil und riss die Augen auf. Er hüpfte auf der Stelle, als hätte er Sprungfedern in den Stiefeln. „Zack-Bumm! Stella, hast du das gehört? Wir sind die Osterreiter!“
„Morgen früh um acht geht es los“, sagte Mia. „Ich freue mich schon riesig. Dieses Jahr ist der Wald besonders geheimnisvoll.“
Als Mia den Stall verließ, blieb es einen Moment ganz still. Man hörte nur das zufriedene Kauen der Pferde. Lori, Phil und Emma sahen sich an. Sie spürten es alle: Das hier war der Beginn ihres größten Abenteuers. Aber was hatte Mia mit „geheimnisvoll“ gemeint? Und warum ist Stallmeister Florian so aufgebracht?
