
Rio jubelte auf. Sein Stuhl kippte um. Er rannte los und griff nach seinem Helm. Er zog die Fliegerbrille vor die Augen. Klack. „Endlich! Das ist ja noch viel besser als Flugstunde!“, rief er und grinste breit.
„Ab zur Rutsche!“, kommandierte Frau Wolle. Sie fuchtelte mit ihrer langen Stricknadel in die Luft. Wie ein General mit einem Säbel. „Und vergesst eure Sicherheitsausrüstung nicht! Mützen auf! Schals festziehen! Da unten zieht es!“
In der Mitte des runden Raums war ein Loch im Boden. Darin verschwand eine Röhre. Eine knallrote, glänzende Spiralrutsche. Sie führte direkt von der Erdbeerkugel der Eistüte bis ganz nach unten. In den Hangar.
Rio sprang als Erster zum Loch. Er rückte seine Fliegerbrille zurecht. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Bahn freiiiii!“, brüllte er. Dann ließ er sich fallen. Wuiiiiiiiii!
Es ging los. Er sauste in die Dunkelheit der Röhre. Es ging im Kreis herum. Immer rechts herum. Schneller. Immer schneller. Die roten Wände sausten an ihm vorbei. Es kribbelte im Bauch.
Rio rutschte durch die Stockwerke. Wusch. Er sauste durch die blaue Kugel. Dort roch es kurz nach Fröschen und Regenwasser. Das war das Wetterlabor. Wusch. Er sauste durch die gelbe Kugel. Dort roch es nach Sattelleder und Metall. Das war die Werkstatt. Wusch. Weiter nach unten. Er sauste durch die Waffel. Dort roch es herrlich nach gebackenem Teig. Die Zimmer der Gepäckwichtel.
Und dann kam das Ende. Die Röhre spuckte ihn aus. Plumps! Rio schoss aus der Öffnung. Er flog ein kleines Stück durch die Luft und… landete weich. Auf einem riesigen, aufgetürmten Berg aus alten Säcken.
„Juhu!“, rief Rio. Er rappelte sich auf. Oben in der Röhre rumpelte es schon wieder. Rumpel-Pumpel. Das war Milla. Plumps. Sie landete direkt neben ihm. Ihre Werkzeuge in den Hosentaschen klirrten laut. „Das war knapp!“, lachte sie. „Ich habe fast einen meiner fünf Schraubenschlüssel verloren.“
Dann rumpelte es noch einmal. Leiser diesmal. Das war Pepe. Plumps. Er landete sanft auf einem weichen Sack. Er hielt seine Hände schützend vor die Brust. In seinen Armen saß der kleine Denno. Der Mini-Drache guckte ganz verdattert. Ihm war wohl schwindelig. Seine Augen kreiselten.
„Erster!“, rief Rio und sprang vom Sackberg herunter. Er klopfte sich den Staub von der Jacke. „Das war neue Rekordzeit! Wir waren schneller als der Schall!“
Hier unten war es ganz anders als oben im Turm. Das war der Hangar. Das Herz des Flughafens. Es war eine riesige Halle. So hoch wie eine Kirche. Es war schummrig. Nur ein paar Lampen brannten. Es roch anders. Es roch nach würzigem Drachenfutter. Es roch nach altem Leder, trockenem Heu und einem Hauch von Rauch. Es war der Geruch von Arbeit und Abenteuer.
Rio rannte sofort los. Er lief zum großen Haupttor. Es war riesig. Ein Drache passte da locker durch. Auch zwei. Er ging zum Schaltpult an der Wand. Da war ein großer, grüner Knopf. Er leuchtete. Pepe drückte drauf. Mit der flachen Hand. Klack.
Es passierte erst nichts. Dann fingen die Zahnräder an zu knarren. Krrrk. Die schweren Eisenketten rasselten los. Das massive Tor ruckelte. Es schob sich langsam nach oben.
Normalerweise passierte jetzt etwas Schönes. Normalerweise flutete goldenes Sonnenlicht in die Halle. Es blendete einen. Vögel zwitscherten. Der Himmel war blau. Die Welt war bunt.
Aber heute nicht. Heute war es anders. Als das Tor hochging, war da kein Licht. Da war gar nichts. Die Welt war weg. Verschwunden. Einfach ausgelöscht. Eine Wand stand vor dem Tor. Eine Wand aus Nebel. Grau. Dicht. Undurchdringlich.
Kalte, feuchte Luft schwappte in den Hangar. Wie Wasser aus einer Badewanne. Sie kroch über den Boden. Rio fröstelte sofort. Er zog den Reißverschluss seiner Fliegerjacke hoch. Bis zum Kinn. Ratsch. „Uah“, machte er. „Das ist ja wie im Kühlschrank.“
Pepe trat einen Schritt vor. Mutig ging er auf die graue Wand zu. Er trat hinein. Der Nebel verschluckte ihn sofort. Er blieb stehen. Er schloss die Augen. Er legte den Kopf schief. Seine Hände wanderten zu den „Lausch-Muscheln“ auf seinen Ohren. Er drehte am Rädchen. Er stellte die Kopfhörer auf volle Lautstärke. Auf „Super-Lauschen“.
Er hörte Wassertropfen. Ganz weit weg. Tropf. Tropf. Tropf. Sie fielen von den Tannennadeln. Er hörte eine Feldmaus. Sie versteckte sich unter einer Wurzel. Er hörte Rios Herzschlag hinter sich. Poch-Poch. Poch-Poch.
Und dann hörte er es wieder. Diesmal war es laut. Sehr laut. Viel lauter als oben im Turm. Pepe zuckte zusammen. Er presste die Hände auf die Kopfhörer. Schniiief. Es war ein nasses Geräusch. Als würde jemand einen ganzen See durch die Nase ziehen. Tröööt. Wie ein Elefant im Stimmbruch. Und dann das Heulen. WUUUU-HUUU. Es klang tief. Es gurgelte. Es war gewaltig. Es hallte von den Felswänden wider.
Pepe öffnete die Augen. Er drehte sich zu den anderen um. Er drückte den kleinen schwarzen Knopf an seinem Funkgerät. Es hing an seiner Jacke. „Meldung an den Kontrollraum“, sagte er. Seine Stimme war fest. „Diagnose erstellt.“
Er atmete tief ein. „Da unten ist jemand.“ Er machte eine kurze Pause. Milla und Rio starrten ihn an. „Jemand Riesiges. Er weint.“, fuhr Pepe fort. „Er weint so sehr, dass er das ganze Tal unter Wasser setzt. Das sind keine Tränen. Das sind Sturzbäche!“
Es rauschte im Lautsprecher an der Hallendecke. Dann kam die Stimme von Frau Wolle. Sie klang blechern. „Verstanden, Pepe.“ Sie machte eine Pause. „Was braucht ihr für die Mission? Netze? Seile?“
Pepe überlegte kurz. Er hörte noch einmal hin. Das Schniefen. Das Schluchzen. Es klang nicht böse. Es klang nicht gefährlich. Es klang einfach nur furchtbar traurig. Und einsam. „Nein“, sagte Pepe ins Mikrofon. „Nichts davon, Frau Wolle. Wir brauchen Decken und Kakao!“
Die Antwort kam sofort. Dann mal los!“, rief Frau Wolle durch den Lautsprecher.
Milla stürmte los zu den großen Regalen. Sie kletterte die Leiter hoch. Flink wie ein Äffchen. Sie warf Kisten zur Seite und kramte wild herum. Da! Ein Stapel Decken. Bunte, dicke Wolldecken. Frau Wolle hatte sie letzten Winter gestrickt. „Perfekt!“, rief Milla.
Die Gepäckwichtel kamen und schleppten mühselig eine riesige Thermoskanne mit frisch gebrühtem Kakao an. Sie warfen die Wolldecken in einen Lastenkorb und befestigten die Thermoskanne in den Seitentaschen. Rio steckte sicherheitshalber noch ein wenig Proviant in die andere Seitentasche. Er entschied sich für Leuchtfutter. Das schmeckte den Drachen ganz besonders.
Pepe stand immer noch am offenen Tor. Er beobachtete den Nebel. Er drehte sich zu seinen Freunden um. „Das wird kein normaler Flug. Wir werden blind fliegen müssen“, sagte Pepe. „Lasst uns die Drachen vorbereiten!”