Die Geschichte von Ritter Naselang

Benjamin J├Ąger

Frederik und Isolde suchen ihren Hund Schlabber, der beim Spielen abgehauen ist. Dabei entdecken sie eine kleine Burg und machen Bekanntschaft mit Ritter Naselang.

Nach Alter: Ab 6-8 Jahre

Nach Lesedauer: Ca. 20-30 Minuten

Burg am Horizont einer Landschaft

Die Geschichte von Ritter Naselang

Nicht weit von einem kleinen Fluss entfernt, stand auf einem kleinen H├╝gel eine kleine Burg, in der der alte Ritter Naselang lebte. Fr├╝her hausten dort viele Ritter und sogar eine K├Ânigsfamilie. Doch diese Zeit war schon lange vorbei und nun war nur noch Ritter Naselang in der Burg zuhause. Einst als Naselang noch ein junger Bursche war, zogen die anderen gro├čen Ritter mit der K├Ânigsfamilie los, um eine wundersch├Âne Prinzessin f├╝r den Prinzen Schmalzlocke zu finden. Naselang musste als j├╝ngster Ritter in der Burg bleiben und dort Wache halten, doch die Ritter und die K├Ânigsfamilie waren nie zur├╝ckgekehrt.┬áSeitdem war er alleine geblieben und schickte alle fort, die sich auf ihrer Reise zur Burg verirrten. Naselang mochte keine vorbeikommenden Wanderer und noch weniger mochte er Besuch. Er scheute sich vor Unterhaltungen und solch l├Ącherlichen H├Âflichkeiten wie H├Ąnde sch├╝tteln. Zum Gl├╝ck kam es selten vor, dass jemand an der Burg vorbei kam. Schlie├člich war er ein starker und furchtloser Ritter, der Ungeheuer und Eindringlinge bek├ĄmpfteÔÇŽaber auch das kam selten vor. Au├čer vereinzelte Verirrte wegzuschicken hatte er n├Ąmlich nicht viel zu tun.

Und so waren viele Jahre vergangen, in denen Naselang auf dem Burgturm stand und Ausschau nach ungebetenen G├Ąsten hielt, w├Ąhrend seine R├╝stung langsam begann sich mit r├Âtlich schimmerndem Rost zu ├╝berziehen. Mit der Zeit hatte sich der Rost so weit ├╝ber die R├╝stung verbreitet, dass Naselang damit nicht mehr die unz├Ąhligen steilen Stufen zur Spitze des Burgturms hinauf steigen konnte. Und so kam es, dass Naselang sich jeden Morgen in die R├╝stung hinein zwang und unter quietschendem Ge├Ąchzte zum riesigen Eingangstor trampelte. Dort ├Âffnete er das kleine Ausguck-Fenster, kniff ein Auge zusammen und versuchte angestrengt durch den Helm seiner R├╝stung etwas von dem Geschehen au├čerhalb der Burgmauern zu erkennen. Obwohl Ritter Naselang nie viel zu tun hatte, nahm er doch seine Aufgabe als Wachposten sehr ernst. Von fr├╝h bis sp├Ąt blieb er am Tor stehen und richtete seine ganze Konzentration auf die Beobachtung der Umgebung. Lediglich zur Mittagszeit genehmigte er sich eine kleine Auszeit. Daf├╝r ging er durch die versteckte Hintert├╝r auf der R├╝ckseite der Burg in den kleinen Garten. Dort pfl├╝ckte er sich ein paar Bl├Ątter frischen Pfefferminz und kochte sich einen Tee auf, den er gem├╝tlich in seiner Pause in der gro├čen Halle auf seinem Sessel trank. So ging es Tag ein Tag aus.

Auf der anderen Seite des kleinen Flusses lag ein idyllisches D├Ârfchen, tief im Wald versteckt. Hier lebten auch der kleine Frederik und seine Schwester Isolde mit ihrer Familie. Gerne gingen sie in den Wald hinaus zum Spielen, stets mit ihrem treuen Begleiter dem Hund Schlabber. Heute sind die beiden Geschwister besonders fr├╝h aufgestanden, um zusammen mit Schlabber raus in den Wald spielen zu gehen. Sie wollen n├Ąmlich am Fluss spielen und dort eine Bude bauen. Langsam n├Ąherte es sich der Mittagszeit und die Geschwister hatten aus gro├čen schweren ├ästen schon die St├╝tzen f├╝r ihre Bude aufgestellt, als aus dem Geb├╝sch pl├Âtzlich ein Hase hervor sprang. Schlabber bellte sofort los und zischte hinter dem Hasen her. Der sprang mit einem gro├čen Satz ├╝ber den Fluss und verschwand im Feld auf der anderen Seite. Schlabber z├Âgerte keine Sekunde und tat es dem Hasen gleich. Isolde schrie aus vollem Hals: „Nein Schlabber, bleib hier!“ Aber mit einem Sprung ├╝ber den Fluss war auch Schlabber sogleich im Feld verschwunden. „Schlabber, komm zur├╝ck! Schlaaabber!“, riefen die beiden Geschwister. Mit v├Âllig entsetzten Gesichtern standen sie beide da und riefen nach ihrem Hund. Doch es tat sich nichts und im Feld r├╝hrte sich nicht einer der hohen Grashalme.┬á┬á

„Was sollen wir jetzt nur tun? Den Fluss zu ├╝berqueren haben uns Mama und Papa eigentlich verboten. Aber wir k├Ânnen Schlabber doch nicht einfach auf der anderen Seite alleine lassen!“ Isolde sah die Verzweiflung in Frederiks Gesicht und begann zu ├╝berlegen. Sie wusste, dass es verboten war den Fluss zu ├╝berqueren. Aber ihre Eltern w├╝rden es gar nicht mitbekommen, wenn sie abends wieder zur├╝ck sein w├╝rden. Mama hat ihnen Essen eingepackt, damit sie den ganzen Tag an der Bude bauen k├Ânnten und es war bald erst Mittagszeit. Genug Zeit um Schlabber zur├╝ck zu holen und p├╝nktlich zu Hause zu sein, beschloss Isolde. „Wir lassen Schlabber nicht im Stich! Wir holen ihn zur├╝ck und sind noch vor dem Abendessen wieder zu Hause. Bist du dabei?“, sprach Isolde und schaute Frederik mit gro├čen fragenden Augen an. Leise und mit ├Ąngstlicher Stimme antwortete Frederik: „Aber ist das nicht gef├Ąhrlich?“. Isolte erwiderte: “ Wir sind doch zwei mutige Abenteurer, die jeden Morgen am Fluss spielen, ganz nah an der anderen Seite. Etwas Gef├Ąhrliches ist mir hier noch nie begegnet.“. “ Okay, dann lass uns Schlabber retten!“, sagte Frederik und zeigte mit seinem Finger mutig in Richtung Feld! „.

Frederik und Isolde gingen durchs Feld und schon nach kurzer Zeit waren sie an dessen Ende angelangt. Von Schlabber fehlte leider jede Spur. Das Einzige was ringsherum zu sehen war, war ein H├╝gel der sich vor ihnen auftat. Die Sonne war mittlerweile hinter Wolken verschwunden und der H├╝gel war in Nebel geh├╝llt. Als sie den H├╝gel hinauf gingen, fiel ihnen auf halbem Wege etwas ins Auge. Es war ein Turm zu sehen. „Was ist denn das?“, fragte Frederik erstaunt. „Eine Turmspitze“, sagte Isolde ganz aufgeregt. Die Geschwister liefen voller Aufregung schneller den H├╝gel hinauf. Sie trauten ihren Augen kaum, als sie oben angekommen waren. „Eine Ritterburg, wie aus Papas Geschichten.“, platze es aus Frederik voller Aufregung heraus, wobei er seinen Mund vor Staunen so weit aufriss, dass er sich fast verschluckte. „Pscht!“, zischte Isolde und hielt Frederick die Hand vor seinen weit offenen Mund. „Vorsichtig, duck dich und wir laufen einmal um die Burg herum.“ Die Geschwister schlichen in sicherer Entfernung um die Burg herum. Die Mauern der Burg sahen sehr alt aus und waren ringsherum mit einer dichten dunkelgr├╝nen Schicht Efeu bewachsen. „Sieht so aus als w├Ąre dort niemand mehr“, stellte Frederik fest.┬á┬á

Als sie fast zur H├Ąlfte um die Burg gelaufen waren, h├Ârten sie etwas. „Wuff Wrr Wuff!“. „Schlabber“, riefen die Geschwister gleichzeitig. Beide stellten sich sofort auf Zehenspitzen um mehr zu sehen. Auf der R├╝ckseite der Burg sahen sie Schlabber dann. Hinter einem kleinen Zaun zwischen vielen B├╝schen und anderen Pflanzen war Schlabber immer noch dabei, dem Hasen hinterher zu jagen. Schnell rannten beide in die Richtung der Burg, dorthin, wo es wie ein kleiner Garten aussah. Doch als sie an dem kleinen Zaun angekommen waren, war Schlabber weder zu sehen, noch zu h├Âren. „Wo ist er hin?“, fragte Frederik mit dem gleichen verzweifelten Blick wie am Fluss. Isolde ├Âffnete das Tor am Zaun mit einem leisen Quietschen und sagte: „Schnell, lass uns suchen.“. Die Geschwister gingen in den Garten und suchten die schmalen Wege zwischen all den Pflanzen ab. „Hier sind Spuren“, fl├╝sterte Isolde und winkte Frederik herbei. Zusammen folgten sie den Pfotenabdr├╝cken, welche zur Mauer der Burg f├╝hrten und dort aufh├Ârten. „Wo sind sie hin?“, bemerkte Frederik entgeistert. „Hier sind noch andere Spuren. Die sehen aus wie von einem Riesen“, sagte Isolde etwas ├Ąngstlich. Beide schauten auf die Spur, die um eine kleine mit Efeu bedeckte Ecke ging. „Eine versteckte T├╝r!“, sagte Frederik.

Obwohl beide etwas Angst hatten, gingen sie durch die T├╝r in das Innere der Burg. Hier war es kalt und dunkel. Nach ein paar Schritten war durch eine T├╝r ein Licht zu erkennen und ein warmer Luftzug traf die Gesichter der Geschwister. Vorsichtig schlichen sie zu der T├╝r. Diese stand offen und ein gro├čer Raum tat sich dahinter auf. Langsam steckten sie ihre K├Âpfe durch den offenen Spalt und blickten suchend nach Schlabber. Der sa├č vor einem Sessel. „Da sitzt ein Ungeheuer!“ brachte Frederik bibbernd heraus. „Ich glaube es schl├Ąft, wir m├╝ssen Schlabber holen!“ Auf Zehenspitzen tapste Isolde in den Raum und n├Ąherte sich dem Ungeheuer, dessen Panzer im flackernden Licht des Feuers aus dem Kamin gl├Ąnzte. „komm her Schlabber!“ fl├╝sterte Frederik, der Isolde hinterher geschlichen kam. Schlabber r├╝hrte sich nicht. „Das ist kein Ungeheuer. Siehst du die Nase, die aus dem Panzer hinaus ragt?“, fl├╝sterte Isolde, riss die Augen auf und griff nach Schlabber. „Nein Schlabber!“. Doch es war in diesem Moment schon zu sp├Ąt und Schlabber tat was Schlabber eben tut. Er hopste auf den Sessel und schlabberte an der Nase, die aus der R├╝stung ragte. Denn es war kein Ungeheuer sondern Ritter Naselang, der in seiner Teepause eingeschlafen war.

Etwas warmes und feuchtes kitzelte Naselang an seiner gro├čen Nase. War er etwa w├Ąhrend seines Wachdienstes eingeschlafen? Er ├Âffnete die Augen und was war das: „Eindringlinge in den Mauern! „, schrie Naselang als er den Hund und die beiden Kinder sah. „Ergreift die Waffen und vertreibt die Feinde!“, br├╝llte es aus tiefer Kehle und Ritter Naselang sprang auf, w├Ąhrend er sein Schwert in die H├Âhe riss. Er wollte gerade los st├╝rmen, doch anstatt voranzukommen fiel er unter lautem Gequietsche und blechernen Geschepper b├Ąuchlings auf den Boden der gro├čen Halle. Frederik und Isolde hatten zun├Ąchst voller Angst laut geschrien und Schlabber laut geknurrt. Doch als der Ritter umgefallen war und nicht mehr hochkam, fingen sie laut an zu lachen. Die rostige R├╝stung hatte dem Losst├╝rmen von Ritter Hakennase nicht stand gehalten, verkeilte und verzog sich so schnell, dass er sofort umfiel. So lag er da und konnte sich kaum noch bewegen, wie ein K├Ąfer der auf dem R├╝cken lag und nicht wieder auf die Beine kam. „H├Ârt auf zu lachen und helft mir lieber!“, sagte Naselang ganz eingeschnappt. Die Geschwister waren immer noch am kichern: „Nur wenn du lieb zu uns bist“, sagte Isolde. „Und uns deine Burg zeigst.“, erg├Ąnzte Frederik und schaute Isolde mit seinen gro├čen Augen an. „Und uns deine Burg zeigst!“, wiederholte Isolde. „Keinesfalls!“, erwiderte Naselang. Die Geschwister schauten sich mit einem Augenzwinkern an und drehten sich um: „Komm Schlabber, wir gehen!“. Naselang zappelte immer noch auf dem Boden und gab nach: „Na gut, abgemacht. Ich zeige euch die Burg.ÔÇŁ┬á

Frederik und Isolde halfen Ritter Naselang also dabei, wieder auf die Beine zu kommen und die verzogene, rostige R├╝stung auszuziehen. Jetzt sah er schon gar nicht mehr so ungeheuerlich aus wie mit dem Blechpanzer. ÔÇťWo sind denn eigentlich alle anderen hier?“, fragte Frederik ganz verdutzt, als er sich in dem gro├čen Saal umschaute. Ritter Naselang wurde stutzig. Er hatte noch nie jemandem erz├Ąhlt, was damals geschehen war. Aber die beiden Geschwister hatten ihm geholfen und irgendwie mochte er sie. Dieses Gef├╝hl hatte er schon seit 20 Jahren nicht mehr gehabt. Und so begann Naselang zu erz├ĄhlenÔÇŽvon den alten Zeiten, als hier noch prunkvolle Ritter und die K├Ânigsfamilie lebten, wie die Ritter gegen Ungeheuer k├Ąmpften und dass in der Burg immer etwas los gewesen war.

Naselang erz├Ąhlte und erz├Ąhlte, schwelgte in seinen Erinnerungen und bemerkte, wie sch├Ân es war von den alten Zeiten zu erz├Ąhlen. „Aber wo sind denn jetzt alle hin?“, fragte Frederik nach langer Zeit erneut. Der Blick von Naselang wurde wieder trauriger und so erz├Ąhlte er wie er alle das letzte Mal gesehen hatte und niemand zu ihm in die Burg zur├╝ckgekehrt war. Das machte auch die Geschwister traurig und sie nahmen Naselang in den Arm, wobei ihm eine dicke Rittertr├Ąne die Wange hinunter kullerte. Als Isolde dabei aus dem Fenster schaute, fiel ihr pl├Âtzlich auf, dass es schon dunkel geworden war. „Wir m├╝ssen nach Hause!“ „Aber wir haben doch noch gar nicht die Burg gesehen.“, merkte Frederik entt├Ąuscht an. „Ich bringe euch nach Hause. Aber ihr k├Ânnt mich auch gerne wieder besuchen und ich zeige euch den Rest der Burg!“ Naselang hatte es gesagt: „besuchen“. Eigentlich hasste er doch Besuch, doch es f├╝hlte sich gut an das zu sagen und zu wissen, dass jemand wieder kommen w├╝rde. “ Au jaaaa“, riefen Frederik und Isolde begeistert und Hakennase l├Ąchelte sie an.┬á┬á

Gemeinsam schafften es die drei zusammen mit Ritter Naselang noch rechtzeitig nach Hause. Naselang versprach den Eltern, er w├╝rde sie immer sicher zur Burg und zur├╝ck bringen. So konnten die Geschwister h├Ąufig zu Besuch kommen und mit Naselang Zeit verbringen. Oft spielten sie auch gemeinsam und Naselang zeigte ihnen, was es hei├čt ein richtiger Ritter zu sein. Jetzt war Naselang nicht mehr alleine und hasste es auch nicht mehr Besuch zu haben. Und wenn sich mal wieder jemand auf seinem Weg verirrte und zu der Burg kam, ├Âffnete Naselang das Tor und lud jeden, der vorbeikam, zu einem Pfefferminztee ein.

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