
Kapitel 1: Die Matsch-Meister von FC Traumtor
Darum geht's
Leo, Mila und Benne haben es satt, auf ihrem matschigen Acker als Verlierer dazustehen und von den Gegnern ausgelacht zu werden. Doch als Mila den Ball wütend gegen die Latte hämmert, verwandelt sich das rostige Tor plötzlich in ein magisch leuchtendes Portal.
Der Himmel über Kickstadt sah an diesem Nachmittag aus wie eine alte, graue Wollsocke, die schon viel zu oft gewaschen wurde. Dicke, dunkelgraue Wolken hingen so tief, dass man fast mit dem Kopf dagegen stoßen konnte. Und es regnete. Es regnete nicht nur ein bisschen. Nein, es schüttete, als hätte ein Riese am Himmel eine Badewanne umgekippt.
Plitsch. Platsch. Tropf.
Auf dem Fußballplatz am Stadtrand standen drei kleine Gestalten im Regen. Wobei man dieses Stück Land eigentlich gar nicht „Fußballplatz“ nennen durfte. Alle Kinder nannten es nur den „Acker“. Und das passte perfekt. Der Rasen war nicht grün und weich wie ein Teppich. Oh nein. Der Rasen hier war braun, hubbelig und voller Löcher. Überall gab es kleine Berge aus dunkler Erde. Das waren die Wohnzimmer von Familie Maulwurf. Wenn man nicht aufpasste, knickte man um oder landete mit der Nase im Dreck. Außerdem roch es hier immer ein bisschen nach nassem Hund und faulen Blättern.
„Los jetzt!“, rief eine helle Stimme durch den Regen. Das war Leo. Leo war sieben Jahre alt, klein und dünn, aber er war flink wie ein Wiesel. Er trug ein rotes Stirnband, das ihm jetzt nass ins Gesicht hing. Leo trippelte auf der Stelle. Seine Füße konnten einfach nicht stillstehen. Tipp, tapp, tipp, tapp. „Hierher!“, rief er und fuchtelte mit den Armen wie eine Windmühle. „Ich bin frei! Spiel mich an, Mila!“
Mila stand ein paar Meter entfernt. Sie war genauso alt wie Leo, aber einen ganzen Kopf größer. Ihr blauer Trainingsanzug war an den Knien schon ganz dunkel vom Matsch. Mila hatte ihren Pferdeschwanz heute extra fest gebunden. Er wippte bei jedem Schritt wild hin und her. Das sah gefährlich aus. „Ich sehe dich ja!“, rief Mila zurück. Sie musste schreien, weil der Regen so laut auf die Pfützen prasselte.
Mila schaute auf den Ball vor ihren Füßen. Es war ein alter Lederball. Er hatte schon viele Kratzer und war vollgesogen mit Wasser. Er sah aus wie eine braune Kugel Eis, die niemand essen wollte. Und er war schwer wie ein Stein. Mila holte aus. Sie kniff ein Auge zu. „Achtung, Granate!“, brüllte sie.
WUMMS!
Mila trat gegen den Ball. Wasser spritzte nach allen Seiten. Der Ball zischte los. Er flog flach über den nassen Boden. Er flog genau auf Leo zu. „Hab ihn!“, rief Leo. Er rannte dem Ball entgegen. Er wollte ihn stoppen, ganz elegant, so wie die Profis im Fernsehen. Leo war schnell. Zu schnell. Er achtete nicht auf den Boden. Er sah nicht den dicken, braunen Hügel, den Herr Maulwurf heute Nacht genau in der Mitte des Platzes gebaut hatte.
Leos rechter Fuß blieb hängen. „Huch!“, machte Leo. Seine Arme ruderten durch die Luft. Für eine Sekunde sah es aus, als würde er fliegen. Aber Leo konnte nicht fliegen. Die Schwerkraft zog an ihm. Patsch! Leo landete lang auf dem Bauch. Er rutschte wie ein Schlitten weiter, genau durch eine riesige, braune Pfütze. Der Schlamm spritzte ihm bis in die Ohren.
Der Ball kullerte langsam an ihm vorbei, als wollte er sagen: Ätschibätsch. Er rollte weiter, direkt auf das Tor zu.
Im Tor stand Benne. Benne war erst sechs, aber er war breit wie ein Bär und die Ruhe selbst. Er trug einen grauen Pullover, der ihm an den Ärmeln zu lang war, und riesengroße Torwarthandschuhe. Die sahen aus wie zwei Bratpfannen aus Schaumstoff. Benne guckte dem Ball hinterher. Er bewegte sich nicht. Er kaute nur gemütlich. Der Ball rollte ganz langsam gegen den Pfosten. Pock. Dann blieb er liegen.
Leo rappelte sich auf. Er sah aus wie ein Schlamm-Monster. Braune Soße tropfte von seiner Nase. Er wischte sich über das Gesicht, aber das machte es nur noch schlimmer. Jetzt hatte er auch Matsch in den Augenbrauen. „Mist!“, rief Leo. „Doppelter Mist mit Sahne!“ Er war wütend auf den Maulwurf. Wütend auf den Regen. Und wütend auf seine eigenen Füße, die sich immer verknoteten.
Benne schlurfte langsam aus dem Tor.. Er zog ein Stück Apfel aus seiner Tasche – nein, Moment, er hatte den Apfel tatsächlich in der Hand gehabt, IN dem großen Torwarthandschuh. „Alles klar bei dir, Leo?“, fragte Benne mit seiner tiefen Bärenstimme. Er hielt Leo den riesigen Handschuh hin. Leo griff danach. Benne zog ihn hoch, als wäre Leo leicht wie eine Feder. „Danke“, murmelte Leo. Er zupfte an seinem nassen Trikot. Es klebte eklig auf der Haut. „Ich bin so ein Tollpatsch. Immer stolpere ich.“
„Der Platz ist schuld“, sagte Mila, die angerannt kam. Sie war rot im Gesicht vom Rennen. „Hast du diesen Hügel gesehen? Das ist kein Maulwurfshügel, das ist ein ganzer Berg!“ Mila trat wütend gegen den Erdhaufen. Der Matsch flog in hohem Bogen davon.
Plötzlich hörten sie ein Geräusch vom Rand des Spielfelds. Es war ein Lachen. Aber es war kein freundliches Lachen, wie wenn man einen Witz erzählt bekommt. Es war ein gemeines, spitzes Lachen. Ein Auslacher-Lachen.
„Hihihi! Guckt mal, der Schlamm-Zwerg!“ „Hat der im Dreck gewühlt?“ „Vielleicht sucht er Würmer zum Abendbrot!“
Leo zuckte zusammen. Er kannte diese Stimmen. Er drehte sich langsam um. Dort, am trockenen Weg unter den großen Eichen, standen drei Jungs. Sie trugen neongelbe Trikots, die so sauber waren, dass sie fast leuchteten. Auf ihrer Brust stand in blauen Buchstaben: SV Super-Kicker. In der Mitte stand Rocco. Rocco hatte gegelte Haare und die teuersten Fußballschuhe der Welt. Sie glänzten silbern, selbst bei diesem Regenwetter.
Die Super-Kicker waren die Erzfeinde vom FC Traumtor. Eigentlich waren sie keine Feinde, denn Feinde kämpfen gegeneinander. Aber gegen die Super-Kicker konnte man nicht kämpfen. Sie gewannen immer. Sie hatten einen Platz mit grünem Kunstrasen, Umkleidekabinen mit Fußbodenheizung und einen Trainer, der eine Trillerpfeife aus echtem Metall hatte. Der FC Traumtor hatte gar nichts. Nur den Acker, die Maulwürfe und Benne, Mila und Leo.
Rocco zeigte mit dem Finger auf Leo. „Na, Leo? Übst du Schwimmen im Dreck? Fußball ist das jedenfalls nicht.“ Die anderen beiden Jungs lachten so laut, dass sie sich auf die Schenkel klopften. Leo spürte, wie sein Gesicht heiß wurde. Heißer als eine Herdplatte. Er schämte sich so sehr. Er wollte sich hinter Bennes breitem Rücken verstecken. Er zog sein schlammiges Stirnband tiefer in die Stirn.
Mila aber versteckte sich nicht. Mila wurde groß. Sie pumpte sich auf wie ein Kugelfisch. Sie stapfte auf Rocco zu. Patsch, patsch, patsch machten ihre Schritte. Sie stemmte die Hände in die Hüften und baute sich vor den sauberen Jungs auf. „Haut ab!“, rief sie. Ihre Stimme war laut und fest. „Hier ist Training! Privat!“
Rocco grinste fies. „Training? Das nennt ihr Training? Das sieht eher aus wie Schweinehüten.“ „Verschwindet!“, rief Mila noch lauter. „Oder wollt ihr sehen, wie hart ich schießen kann?“ Sie guckte Rocco so wild in die Augen, dass dem das Grinsen verging. Mila hatte nämlich wirklich einen Schuss wie eine Kanone. Das wusste jeder in der Stadt.
Rocco machte einen Schritt zurück. Er rümpfte die Nase. „Komm, wir gehen“, sagte er zu seinen Freunden. „Hier stinkt es eh nach Gülle. Und ich will meine neuen Schuhe nicht dreckig machen.“ Die drei Super-Kicker drehten sich um und stolzierten davon wie Pfaue. „Viel Spaß im Matsch, ihr Verlierer!“, rief Rocco noch über die Schulter.
Dann waren sie weg. Aber das Wort „Verlierer“ hing noch in der Luft. Es hing dort wie eine dunkle Regenwolke.
Leo, Mila und Benne ließen die Köpfe hängen. Der Regen prasselte weiter. Sie trotteten zu der alten Holzbank am Rand des Ackers. Die Bank war morsch und grün vor Moos. Sie setzten sich nebeneinander. Leo in der Mitte, Mila links, Benne rechts. Sie saßen da wie drei nasse Hühner auf der Stange.
Benne kramte in seinem Torwarthandschuh herum. Es dauerte eine Weile, weil der Handschuh so riesig war. Dann zog er einen zweiten Apfel hervor. Er rieb ihn kurz an seinem grauen Pullover ab. Knack. Benne biss hinein. Er kaute langsam und schmatzte leise. „Lass die doch reden“, brummte er mit vollem Mund. „Die sind nur doof.“
„Sie haben aber recht“, sagte Leo leise. Er starrte auf seine dreckigen Schuhe. Er band sich ganz langsam den Schnürsenkel auf und wieder zu, nur um etwas zu tun zu haben. „Wir sind Verlierer. Wir verlieren jedes Spiel. 0 zu 5. 0 zu 10. Letzte Woche sogar 0 zu 12.“ Leo schniefte. „Und ich bin schuld, weil ich immer stolpere.“
„Quatsch“, sagte Mila. Sie saß vornübergebeugt und stützte das Kinn auf die Hände. „Wir verlieren, weil wir hier nicht richtig spielen können. Guck dir doch unser Tor an.“ Sie nickte mit dem Kopf zu dem Tor am Ende des Feldes. Es war ein trauriger Anblick. Die Pfosten waren aus rostigem Eisen. Die weiße Farbe war schon vor Jahren abgeblättert. Der linke Pfosten stand schief, als wäre er müde und wollte sich hinlegen. Aber das Schlimmste war das Netz. Es war grau und hing in Fetzen herunter. Es hatte so viele Löcher, dass man nie genau wusste: War der Ball nun drin oder daneben?
„Ich wünschte, wir könnten woanders spielen“, seufzte Leo. „Ganz weit weg. Wo alles toll ist. Wo wir echte Trikots haben und einen Pokal gewinnen.“ „Ein Pokal …“, wiederholte Mila verträumt. „Ein großer, goldener Pokal.“ „Mir würde schon ein kleiner reichen“, sagte Benne und aß das Kerngehäuse von seinem Apfel mit auf. „Hauptsache, er glänzt.“
Eine Weile saßen sie einfach nur da und hörten dem Regen zu. Plötzlich sprang Mila auf. „Mir reicht’s!“, rief sie. „Was machst du?“, fragte Benne erschrocken. „Ich habe so eine Wut im Bauch!“, rief Mila. „Auf Rocco. Auf den Matsch. Auf alles! Die Wut muss jetzt raus!“
Mila lief zurück auf den Platz. Sie lief zu dem nassen, schweren Ball. „Mila, nein!“, rief Leo. „Komm zurück! Wir gehen nach Hause!“ Aber Mila hörte nicht. In ihrem Bauch brodelte es wie in einem Vulkan.
Sie stellte sich vor den Ball. Sie wischte sich die nassen Hände an ihrer noch nasseren Hose ab. Sie pustete sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. Pffft. Sie starrte das alte, kaputte Tor an. Sie zielte genau auf den Winkel oben rechts. Da, wo die rostige Latte und der rostige Pfosten sich trafen. Da, wo das Netz das größte Loch hatte.
„Volle Kanne!“, schrie Mila. Sie nahm Anlauf. Eins, zwei, drei Schritte. Ihr Fuß traf den Ball perfekt. WUMMS!
Das Geräusch war lauter als vorhin. Es klang wie ein Donnerschlag. Der Ball schoss durch die Luft. Er drehte sich rasend schnell. Das Wasser spritzte von ihm ab wie ein kleiner Springbrunnen. Er flog kerzengerade. Er flog hoch. Er flog genau auf das Lattenkreuz zu.
Leo hielt den Atem an. Er stand auf der Bank auf. Benne vergaß zu kauen. Der Ball raste auf das rostige Eisen zu. Gleich würde es scheppern. Gleich würde der Ball in den Wald dahinter fliegen und sie müssten ihn im Brennnessel-Gebüsch suchen. Wie immer.
Aber es schepperte nicht. Der Ball traf genau das Kreuzeck. Doch statt „Pock“ machte es ein Geräusch, das Leo noch nie gehört hatte. Es machte: ZIIIISCH!
Es klang hell und vibrierend, wie eine riesige Stimmgabel, die man angeschlagen hatte. Der Ton hing in der Luft. Und dann passierte etwas Unmögliches. Der Ball prallte nicht ab. Er fiel nicht herunter. Er flog auch nicht durch das Loch im Netz.
Der Ball war weg. Einfach verschwunden. Als hätte das Tor ihn mit einem Happs verschluckt.
„Hä?“, machte Benne. Stattdessen fing das graue, kaputte Netz an zu zittern. Summmmmmm. Es klang wie tausend kleine Bienen, die ein Lied summten. Ein schwaches, blaues Leuchten begann in den Maschen zu flimmern. Erst war es ganz zart, wie ein Glühwürmchen. Dann wurde es heller. Und heller.
Leo rieb sich die Augen. Er dachte, er hätte Matsch im Auge. „Mila?“, flüsterte er. Seine Stimme zitterte ein bisschen, aber nicht vor Kälte. „Ja?“, flüsterte Mila zurück. Sie stand wie eingefroren da, das Schussbein noch in der Luft. „Wo ist der Ball hin?“
Das rostige Eisen der Torpfosten begann zu glühen. Es war nicht mehr rostig-braun. Es wurde silber-blau. Und in der Mitte des Tors, dort wo eigentlich nur graue Luft und Regen sein sollten, da drehte sich plötzlich etwas. Ein blauer Wirbel. Er drehte sich im Kreis, langsam und wunderschön. Es sah aus wie flüssiges Sternenlicht.
Benne kam langsam näher. Er stellte sich schützend vor Leo und Mila. Er machte sich so breit er konnte. „Ich glaube“, sagte Benne ganz langsam und leise, „das Tor hat unseren Ball gefressen. Und jetzt … jetzt hat es immer noch Hunger.“
Das Summen wurde lauter. Der blaue Wirbel wurde schneller. Ein Windzug kam aus dem Tor, aber er war nicht kalt und nass. Er war warm. Er roch nach Abenteuer und … Popcorn?
Leo spürte ein Kribbeln im Bauch. Es war ganz anders als die Angst vor Rocco. Es war ein wildes, lustiges Kribbeln. Er konnte nicht anders. Er musste wissen, was das war. Er machte einen Schritt auf das leuchtende Tor zu. Dann noch einen. Mila und Benne folgten ihm.
Das blaue Licht strahlte jetzt so hell, dass sie die Augen zusammenkneifen mussten. Was würde wohl passieren, wenn man da hindurchging?
