Für einen Moment ist es mucksmäuschenstill im Einbaum. Nur das leise Plätschern des Flusses ist noch zu hören, während Lilli auf ihre leeren Arme starrt.
»Das … das ist jetzt nicht wirklich passiert, oder?«, flüstert sie.
Auch die anderen sind schockiert. »Die Affen waren viel zu flink«, murmelt Mika. »Du konntest nichts tun, Lilli.«
Oma Annabell schweigt. Sie legt einen Arm um ihre Enkelin und zieht sie fest an sich. Ihr Blick wandert dabei zu dem goldenen Reisekoffer, der teilnahmslos zwischen ihren Füßen liegt.
»Erst bringst du uns nicht nach Hause und jetzt ist auch noch eins unserer Teammitglieder entführt worden. Mein lieber, alter Freund … ich hoffe sehr, dass du einen guten Grund für all das Chaos hier hast.«
Lumino flattert nervös auf und ab. »Ich sehe nach, wo sie ihn hingebracht haben! Wartet hier!«
Und schon verschwindet auch er zwischen den Baumwipfeln.
Die Minuten ziehen sich wie Kaugummi. Niemand sagt ein Wort. Lilli hält die Hände ganz fest aneinander gedrückt, als würde Wobi jeden Moment wieder darin auftauchen.
Da raschelt es plötzlich über ihnen.
Der bunte Ara ist zurück und landet auf Mikas Arm. Er schnauft einmal tief durch und sagt: »Ihr werdet es mir sowieso nicht glauben, also kommt lieber mit und seht es euch selbst an.«
Die Drei steigen aus dem Boot und folgen Lumino tief in den Dschungel.
»Wenn mich JETZT noch irgendein Käfer schief anschaut«, meckert Lilli, »dann ist aber Schluss mit lustig!«
Mika und Oma Annabell müssen grinsen. Wenigstens hat Lilli ihren unverwechselbaren Humor nicht verloren! Nur kurze Zeit später lichtet sich das Grün – und vor ihnen erhebt sich ein großer Tempel aus Ästen, Blättern und Steinen!
Überall wuseln Kapuzineraffen umher. Sie springen wild durcheinander, die Stimmung ist ausgelassen. Es scheint, als ob sie etwas feiern …
Und mitten im Tempel … auf einem imposanten Thron … mit einer Bananenblattkrone auf dem Kopf sitzt jemand ganz Bestimmtes …
»WOBI!!!«, platzt es aus Lilli heraus.
»Psssst!«, zischt Mika und hält ihr den Mund zu. »Wir wollen doch nicht erwischt werden!«
Lumino flattert zu den beiden nach unten und legt seine Flügel um das Geschwisterpaar. Auch Oma Annabell spitzt gespannt die Ohren. »Es gibt eine uralte Prophezeiung, von der ich euch erzählen muss«, flüstert der gefiederte Freund und macht eine dramatische Pause. »Die Kapuzineraffen dieses Regenwaldes glauben, dass ihnen eines Tages ein König aus dem All geschickt wird. Einer, der ihnen immerwährendes Glück bringt.«
»Und weil Wobi ein Alien-Stofftier ist …«, beginnt Mika.
»… halten sie ihn für genau diesen König«, beendet Oma seinen Satz.
Hinter Wobis Thron, halb verborgen zwischen Ranken, entdeckt Lilli eine Felswand mit alten Zeichnungen. Sie erklärt den anderen mit wilden Gesten, dass sie ihr bis dorthin folgen sollen, um die Malereien genauer betrachten zu können.
Leise schleichen sie um den Thron herum und schaffen es unentdeckt zum Ziel.
In den Stein ist ein kleines Männchen geritzt: lächelnd, mit riesigen, freundlichen Augen, abgerundeten Antennen und vier Beinen, Es sieht Wobi wirklich zum Verwechseln ähnlich. Mika muss schlucken.
»Denkst du, Lilli … dass das Wobis Schicksal ist? Dass die Prophezeiung mit ihm als lang ersehntem König aus dem All … wahr ist?«
Doch Lilli hört ihrem Bruder gar nicht zu. Sie tritt näher an die Felswand heran und kneift die Augen fest zusammen. »Moooment mal! Das da … das IST gar nicht Wobi!«
»Wie meinst du das?«, fragt Oma.
Lilli tippt mit dem linken Zeigefinger auf die Zeichnung. »Der hier hat acht Antennen! Seht ihr? Acht Stück! Und zackige Augenbrauen! Wobi hat gar keine!«
Mika blinzelt und betrachtet die Malerei ebenfalls genauer. »Du hast recht. Wobi sieht wirklich ein wenig anders aus.«
»Eben!«, verkündet Lilli triumphierend. »Also ist dieses Kritzelmonster hier NICHT MEIN WOBI!«
»PSSSST!«, ruft der Rest der Truppe, doch es ist schon zu spät.
Ein Wachaffe hat die Eindringlinge entdeckt und führt sie direkt vor den Thron.
Da sitzt Wobi noch immer – mit Krone, Zepter und allem Drum und Dran. Ein Untertan massiert ihm gerade die Füße, drei servieren ihm allerlei leckere Früchte auf Silbertabletts und ein weiterer fächert ihm Luft zu.
Ein besonders schick aussehender Affe tritt vor. Er trägt eine Kette aus glänzenden Samen um den Hals und wirkt, als hätte er hier das Sagen. Er macht eine wichtige Handbewegung und lässt etwas in Affensprache verlauten.
Lumino räuspert sich und übersetzt: »Er will wissen, warum wir in den heiligen Tempel des außerirdischen Herrschers eingedrungen sind …«
Mika versucht, die Situation zu entschärfen: »Ähm … wir … wir wollten nur …«
»Na, weil mein Wobi entführt wurde! Und zwar von DIESEN beiden Halunken!«, platzt es aus Lilli heraus. Sie zeigt energisch auf die beiden Kapuzineraffen, die vorhin mit ihrem Stofftier abgehauen sind.
Der schick aussehende Affe raunt etwas und die anderen beginnen, aufgeregt zu brüllen.
Lumino übernimmt erneut das Dolmetschen: »Er sagt, dass diese Aktion notwendig war. Er ist der lang ersehnte König aus dem All.«
Lilli tritt einen Schritt vor und sieht dem Sprecher tief in die Augen: »Nein. Ist. Er. Nicht. Und ich kann es auch beweisen!«
Da verstummen plötzlich alle.
Sie deutet auf die Felszeichnung hinter dem Thron. »Seht ihr? Der dort hat acht Antennen und zackige Augenbrauen! Wobi hat sechs Antennen und gar keine Augenbrauen.«
Der schick aussehende Affe betrachtet nun skeptisch die Gravur.
»Das bedeutet, dass euer König aus dem All gar nicht Wobi ist. In echt ist das nämlich …« Das mutige Mädchen schluckt einmal. Jetzt muss sie schwindeln. Und zwar richtig gut. »… Wobis entfernter Cousin dritten Grades! Er heißt Eluhlaza, ist blau und doppelt so groß!«
Lumino sieht Lilli ungläubig an. Dann übersetzt er brav.
Ein weiterer Affen-Diener holt plötzlich eine Lupe aus einer kleinen Truhe hervor.
Er betrachtet erst die Zeichnung. Dann Wobi. Dann wieder die Zeichnung. Dann noch einmal Wobi.
Kurz darauf beratschlagen sich der schick aussehende Affe und der Affe mit der Lupe.
»Sie sagen … sie sind nicht hundertprozentig überzeugt, dass du recht hast. Aber … sie sind sich auch nicht mehr hundertprozentig sicher, dass Wobi der Richtige ist. Wenn du deinen Wobi wieder haben willst, wollen sie einen fairen Tausch. Etwas Wertvolles.«
»Wertvoll?«, murmelt Lilli und greift in ihre Blätterkleidtasche. »Ich habe vorhin ein paar hübsche Blüten gesammelt.«
Lumino schüttelt den Kopf. »Sie meinen einen Menschen-Schatz.«
Oma Annabell denkt angestrengt nach. Dann wühlt sie in ihrer improvisierten Blätter-Hosentasche und holt ihr Handy heraus.
»Das hier«, sagt sie und hält es hoch, als wäre es ein geheimnisvolles Relikt. »Das ist … hochentwickelte Technologie! Normalerweise leuchtet es wie von Zauberhand, man kann damit Fotos knipsen, Bananen zählen, einfach alles! Ihr werdet nie wieder etwas vergleichbar Wertvolles erhalten! Bis auf euren wahren König aus dem All natürlich …«
Der Sprecher-Affe beugt sich vor. Er mustert das Gerät in Omas Hand. Dann macht er eine kurze Fragebewegung.
»Was will er wissen, Lumino? Ob es auch magische Botschaften empfangen oder schweben kann?«
»Nein. Er will eigentlich nur wissen, ob das ein iPhone oder ein Android ist. Und ob ihr ein Ladekabel dabei habt.«
»Oh. Äh. Das ist ein Samsung Galaxy Z«, antwortet Oma trocken.
Die Affen nicken zufrieden. Zwei vom Wachpersonal spazieren zu Wobi, um ihn vom Thron zu heben, doch Wobi scheint sich mit beiden Stoffarmen festzuklammern!
»Wobi!«, ruft Lilli entsetzt. »Das ist jetzt nicht dein Ernst!«
Oma hebt eine Augenbraue und kichert. »Er hat das Königsein wohl ein kleines bisschen zu doll genossen.«
»Wobi … du bist mein allerliebster Lieblings-Stofffreund«, säuselt das Mädchen nun mit weicher Stimme. »Ich brauche dich. Und wenn du willst … massiere ich dir daheim auch mal deine vier Füße!«
Das grüne Alien-Plüschtier löst seinen festen Griff und plumpst mit Schwung in Lillis Arme.
»Na bitte«, flüstert diese erleichtert und drückt ihn so fest an sich, dass seine Krone wackelt.
Sichtlich müde, aber erleichtert stapft die Rettungsbande wenig später zurück Richtung Flussufer, wo der magische Reisekoffer auf sie wartet.
Funkelnde Sonnenstrahlen scheinen durch das Blätterdach, aber niemand hat gerade Lust, sie zu bestaunen.
Mika spricht als Erster aus, was alle insgeheim denken: »Ich will nach Hause. Ich will mich duschen. Mich frisch anziehen. Und ein Bett, das nicht nach Moos riecht.«
Oma Annabell nickt und atmet tief durch. »Und ich möchte, dass dieser Koffer endlich wieder … magisch wird.«
Da hält Lumino plötzlich inne. »Moment mal«, flüstert er. »Hört ihr das?«
Aus dem Inneren des Koffers dringen leise Geräusche nach außen.
Nur leider kein ZACK! Auch kein WRUMM! Und schon gar kein KRRR!
Mika schaut Lilli an. Lilli schaut Oma an.
Und Oma Annabell kniet sich langsam vor den Koffer.
Sie streicht mit der Hand über das goldene Leder. »Du schaffst das«, sagt sie mit ruhiger Stimme. »Erinnere dich. Du weißt, wie es geht. Bitte bring uns nach Hause.«
Vorsichtig öffnet sie den Koffer.
Und diesmal … leuchtet er.
Allerdings nicht wie sonst. Sondern anders. Als würde die Magie sich neu sortieren.
»Oh oh …«, flüstert Mika und hakt sich bei seiner Schwester ein.
Lilli drückt Wobi fest an sich. »Oma! Sag bitte, dass du diese Art von Geräuschen schon mal gehört hast!«
Und da passiert es auch schon:
KLING! KLONG!
BRRRRR!
TSCHING!
Ein starker Sog entsteht und zieht Mika, Lilli, Oma Annabell, Wobi
und auch Lumino ins Innere des Koffers …
… dann schließt er sich.

