PLATSCH! Ein dicker Wassertropfen landet am nächsten Morgen direkt auf Lillis Nase.
»Uähhh …«, murmelt sie noch halb verschlafen und blinzelt.
Doch da kommt schon der nächste Tropfen! Und noch einer! Und dann – als hätten sich alle Regenwolken des Amazonas abgesprochen – prasselt plötzlich ein richtiger Schwall auf sie, Mika und Oma Annabell nieder.
»Schnell! Wir müssen uns unterstellen!«, ruft die Älteste im Bunde und klemmt sich den ebenfalls nassen Reisekoffer unter die Arme.
Mika deutet nach rechts. »Da! Seht ihr die großen Wurzeln? Das ist ein Samaúma-Baum. Unter ihm können wir uns hoffentlich unterstellen, bis der Regenschauer vorbei ist.«
Und tatsächlich: Unter der weit ausladenden Baumkrone ist es überraschend gemütlich und trocken. Ein natürliches Dach, wie gemacht für Abenteurer, die gerade unfreiwillig nass geworden sind.
Da zückt Oma Annabell ihr Handy. »Ich finde, das ist der perfekte Moment für eines unserer legendären Chaos-Selfies! Na los, kommt alle zu mir!«
Mika, Lilli und Oma rücken eng zusammen. Auch Lumino drängelt sich mit seinem vom Regen völlig zerzausten Gefieder mit aufs Foto und macht eine lustige Grimasse.
Klick!
»So. Das schicken wir jetzt eurer Mama … die wird Augen machen!«, kichert Oma und drückt auf ‚Senden‘.
Doch kaum ist das Bild am anderen Ende der Welt angekommen, wird der Bildschirm schwarz.
»Oh nein … dein Akku ist leer!«, seufzt Lilli. »Das war dann wohl unser letztes Foto aus Brasilien …«
»Ach, wir sind sowieso gleich wieder zu Hause im Trockenen, dann lade ich es einfach wieder auf«, sagt Oma und wischt sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Bei diesem schlechten Wetter haben wir hier eh keinen Spaß mehr!«
Mika und Lilli betrachten ihre durchnässten Schlafanzüge und stimmen ihr zu.
»Du hast recht. Das ist jetzt wirklich ein guter Heimkehr-Moment.«
Oma Annabell legt den goldenen Reisekoffer vor sich hin und öffnet ihn. Normalerweise würde er jetzt leuchten. Ein bisschen vibrieren. Und die Drei, inklusive Wobi, nach ihrem erfolgreichen Abenteuer wieder ZACK! WRUMM! KRRR! zurück auf Omas Dachboden befördern.
Doch heute geschieht einfach nichts.
Lumino legt den Kopf überrascht zur Seite. »Ist das … normal so?«
»Nein, das ist … neu«, murmelt Oma. Sie schaut den magischen Reisekoffer an, als wäre er plötzlich ein fremder Gegenstand.
Auch Mika und Lilli sind ratlos.
»Meint ihr, er hatte wegen der Nässe eine Art magischen Kurzschluss?«, fragt die Grundschülerin.
»Ich weiß es nicht, Lilli-Maus. Aber wenn der Koffer uns – warum auch immer – nicht heimbringt, müssen wir irgendwie selbst nach Hause kommen … «
Lumino tippt sich mit der Flügelspitze an den Schnabel. »Ich habe vor Kurzem etwas gefunden, das euch helfen könnte. Los, folgt mir!«
Der Ara führt die immer noch völlig durchnässte Gruppe durch sattes Grün direkt zum Flussufer.
Zwischen Farnen und umgestürzten Ästen liegt ein langer, robuster Einbaum – ein echtes Amazonas-Boot aus einem ausgehöhlten Baumstamm!
»Wow!«, freut sich Mika. »Wetten, dass das mutige Entdecker vor gaaanz langer Zeit gebaut haben?«
Oma klopft prüfend gegen das Holz: »Das kann gut sein, Mika. Das Gefährt hier ist aber zum Glück noch top in Schuss!«
Gerade, als sie einsteigen wollen, hält Lilli inne. »Stopp, stopp, stopp! So steige ich ganz sicher nicht ein! Ich bin immer noch klitschnass und fühle mich wie ein glitschiger Pfeilgiftfrosch und nicht wie eine coole Amazone!«
Da schnipst Mika mit den Fingern. »Leute! Die Lösung liegt doch auf der Hand! Wir basteln uns neue Outfits!«
»DSCHUNGEL-OUTFIIIITS!«, jubelt Lilli. »Ich mache mich sofort auf die Suche nach geeigneten Blättern … Lumino, hilfst du mir?«
In diesem Moment lässt auch der Regen urplötzlich nach. Feine Wassertropfen hängen an jedem Blatt wie winzige Kristalle. Selbst der Amazonas wirkt nun, als hätte er sich ein neues Kleid übergeworfen. Eines, das in den schönsten Grüntönen schimmert.
»Jetzt weiß ich, warum man sagt, der Amazonas ist das Herz unserer Erde«, flüstert Mika beeindruckt.
Als alle drei sich mit Luminos Hilfe neu eingekleidet haben, platziert der Ara ein Blatt in Oma Annabells Haar. »Damit eure Weiterreise auf neuen Wegen beginnen kann, erkläre ich dich hiermit feierlich zur Einbaum-Kapitänin Annabell die Erste!«
»Einbaum-Kapitänin Annabell die Erste?«, kichert Oma. »Das gefällt mir.«
Als nach ihr auch Mika und Lilli einsteigen, verkündet sie wie auf einer Modenschau: »Und hier sehen Sie zwei ganz besonders hübsche Exemplare aus der aktuellen ‚Floresta Tropical‘-Kollektion! Ein Hauch von Grün, sehr bequem und absolut abenteuertauglich!«
Mika und Lilli müssen schmunzeln und geben bereitwillig ein paar ihrer coolsten Posen zum Besten, bevor sie ihre Plätze einnehmen: Oma Annabell ganz vorne als Einbaum-Kapitänin, Mika mit dem Paddel direkt hinter ihr, und Lilli und Wobi als Schlusslicht.
Da beugt sich Oma noch einmal zu dem goldenen Reisekoffer nach unten, der sicher zwischen ihren Füßen steht. »Jetzt hast du noch einmal die Chance, uns nicht hängen zu lassen, alter Freund …«
Doch der Koffer bleibt still.
Oma seufzt und klatscht voller Tatendrang in die Hände: »Na gut. Dann eben auf eigene Faust. Los geht’s! Immer flussabwärts – und hoffentlich Richtung Zivilisation.«
Mika stößt den Einbaum geschickt mit dem Paddel vom Ufer ab. Langsam und gemächlich gleiten sie auf den Amazonas hinaus. Die Strömung trägt sie ruhig vorwärts, das Schaukeln des Gefährts ist gleichmäßig und angenehm.
»Das fühlt sich fast an wie … Segeln«, meint Lilli.
»Dann brauchen wir ein Segellied!«, ruft Mika.
Und schon stimmen alle einen selbst ausgedachten Amazonas-Song an, der ungefähr so geht:
»Eins, zwei, drei im Einbaum drin,
Schaukeln wir im Takt dahin,
Die Sonne glitzert warm durchs Grün,
Es gibt so viel zu sehn!«
Lumino zwitschert begeistert mit – in so vielen unterschiedlichen Tierlauten, dass aus dem Gebüsch plötzlich vier große Riesenotter neugierig ihre Köpfe herausstrecken. Sie trotten ans Ufer, drehen sich einmal um sich selbst und wackeln dabei lustig mit den Hüften.
»Schaut mal!«, lacht Mika. »Die tanzen ja richtig gut!«
Die Stimmung ist herrlich ausgelassen.
Und doch runzelt Lilli plötzlich die Stirn. »Habt ihr das da drüben gesehen?«, flüstert sie und späht in die Ferne.
»Was denn?«, fragt ihr Bruder, ohne mit dem Paddeln aufzuhören.
»Irgendwas hat da drüben im Dickicht geleuchtet. Braun … und … funkelnd.«
Lumino sieht ebenfalls kurz in die Richtung, in die das aufgeregte Mädchen zeigt, kann aber nichts Außergewöhnliches erkennen.
Da ruft Oma Annabell in ihrer Rolle als Einbaum-Kapitänin plötzlich: »Achtung, ihr da hinten! Gleich kommt eine kleine Stromschnelle! Haltet euch bitte gut fest!«
Doch Lilli ist so abgelenkt von dem braunen Funkeln, dass sie Omas Ansage überhört.
Das Boot schaukelt nach unten, dann wieder nach oben … ein kurzer Ruck …
»Waaaah!«, ruft Lilli und klammert sich erschrocken an den Rand des Einbaums. Mit ihrer anderen Hand hält sie Wobi gerade noch so fest …
Genau in diesem Moment raschelt es laut über ihnen.
Das braune Funkeln! Uuh-Uuh! Ah-Ah!
Ein freches Kapuzineräffchen greift nach Wobi und schnappt ihn sich! Ein anderes Äffchen sitzt direkt über ihm und hält etwas in der Hand … Es sieht aus wie … eine Krone?
»NEIN! WOBIII!«, schreit Lilli entsetzt. »Gebt ihn mir sofort zurück!!!«
Aber zu spät!
Mit schrillen Kreischlauten verschwinden die beiden Kuscheltier-Diebe samt Wobi in den Tiefen des Dschungels …
