Der Clown

Sophie Seifeddine

Eines Tages wird der grummelige Herr Wunderlich fĂŒr eine Schicht im Kinderabteil des Krankenhauses eingesetzt. Seitdem nimmt sein Leben neue ZĂŒge an und er lernt es wieder zu schĂ€tzen.

Nach Alter: Ab 9-12 Jahre

Nach Lesedauer: Ca. 20 – 30 Minuten

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Es gab einmal eine Zeit, als die GroßmĂŒtter kleine MĂ€dchen und die GroßvĂ€ter kleine Jungs waren. Es war eine Zeit, in der noch kaum jemand ein Telefon hatte, in der noch niemand einen Fernseher zu Hause im Wohnzimmer hatte und Computer noch fern in der Zukunft lagen. Damals war der eine Krieg gerade vorbei und noch keiner ahnte, dass der nĂ€chste schon nicht mehr lange auf sich warten lassen wĂŒrde, doch davon handelt diese Geschichte nicht.

Zu dieser Zeit wohnte in einer großen Stadt, in einem großen alten Haus ein kleiner Mann und von dem handelt diese Geschichte.

Das Haus war schon damals alt und hatte seine einstige Schönheit schon lĂ€ngst hinter sich gelassen. Die Fassade bröckelte, die Fenster waren undicht, die Treppen krumm gelaufen und die GelĂ€nder spiegelglatt von den hunderten von HĂ€nden, die sich in den Jahren daran festgehalten hatten und den etlichen Hosenböden, auf denen die kleinen Kinder darauf hinunter gerutscht waren. Auf dem glatten GelĂ€nder konnte man nĂ€mlich trotz seines Alters hervorragend von ganz oben nach ganz unten hinunterrutschen. Man musste zum Schluss nur den richtigen Moment zum Abspringen abpassen, sonst wĂŒrde man mit großer Wucht und viel LĂ€rm gegen die EingangstĂŒr krachen und es wĂŒrden wieder alle Nachbarn angelaufen kommen und mit einem schimpfen.

In diesem Haus wohnte ganz oben unter dem Dach in einer sehr, sehr kleinen Wohnung der sehr, sehr kleine Herr Karolus Wunderlich. Herr Wunderlich war nicht grĂ¶ĂŸer als die Kinder in der Straße, hatte eine ziemlich lange und spitze Nase und FĂŒĂŸe, die fĂŒr seinen Körper viel zu groß geraten waren. Als wenn das alles nicht genug von Mutter Natur gewesen wĂ€re, die sich an dem kleinen Mann scheinbar einen Scherz erlaubt hatte, wie die Erwachsenen hinter vorgehaltener Hand sagten, hatte er auch noch einen ziemlich krummen RĂŒcken, auf dem ein Buckel thronte. Dadurch lief er ziemlich gebeugt und schwankte dabei hin und her, als wĂ€re er betrunken. Herr Wunderlich war meistens schlecht gelaunt, seine dichten Augenbrauen sahen aus, als wĂŒrde eine unsichtbare Klammer sie zusammenhalten und seine Mundwinkel waren stets soweit nach unten gezogen, dass er wie eine griesgrĂ€mige Bulldogge aussah. Sein Unterbiss verschlimmerte dies darĂŒber hinaus.

Dass die Leute ĂŒber ihn und sein Aussehen redeten und die Kinder Angst vor ihm hatte, wusste er, und so mied er die Menschen. Er hatte sie sowieso nie gemocht. Nicht im Kindergarten, wo man ihn hĂ€nselte, nicht in der Schule, wo er verprĂŒgelt wurde, nicht wĂ€hrend er seinen Beruf im Krankenhaus lernte und auch spĂ€ter nicht, als er erwachsen war und alle einfach so taten, als sei er Luft. Die Leute gingen grußlos an ihm vorĂŒber, sagten nicht ‚Hallo!‘ und auch nicht ‚Guten Tag!‘, weil sie sich der frĂŒheren HĂ€nseleien und PrĂŒgeleien nur zu schamvoll bewusst waren. Herr Wunderlich war also meistens missmutig und ließ dies auch jeden spĂŒren, den er traf, sodass schließlich jeder Mensch vor ihm das Weite suchte. Da Herrn Wunderlich das ganz recht war, hatte er sich eine Arbeit ausgesucht, in der er die meiste Zeit mit sich allein war und seine Ruhe hatte. Er arbeitete im Keller des stĂ€dtischen Krankhauses in der Pathologie. Dort schob er die Patienten in KĂŒhlkammern, die wenig GlĂŒck bei der Behandlung gehabt hatten und begutachtete Gewebeproben unter dem Mikroskop.

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In diesem Jahr herrschte ein sehr langer und sehr kalter Winter. Im Krankenhaus waren nicht nur viele Patienten untergebracht, auch das Personal hatte mit ErkĂ€ltungen und Grippe zu kĂ€mpfen und die meisten Abteilungen waren sehr stark unterbesetzt. An einem klaren, trockenen, aber wie schon seit vielen Wochen bitterkalten Morgen ging Herr Wunderlich zur FrĂŒhschicht. Als er im warmen Umkleideraum stand und sich umzog, kam sein Vorgesetzter Doktor Messner herein. Herr Wunderlich Ă€rgerte sich, stand er doch nur in Unterhose und Unterhemd da und sein Körper war eines der Dinge, die er in seinem Leben am wenigsten mochte. „Guten Morgen, Herr Wunderlich!“, begann der Mann mit einem wie immer professionellen, distanzierten Ton. „ Ich weiß, sie sind gern in dieser Abteilung, aber oben bei den Patienten herrscht Versorgungsnotstand. Ich habe mit Doktor Ringelblum von der Kinderstation gesprochen, dass Sie fĂŒr diese Woche in seiner Station aushelfen. Bitte gehen Sie dorthin, wenn Sie sich angezogen haben. FĂŒr diese Woche kommen wir hier ohne Sie zurecht.“ „Die Kinderstation?“, knurrte Herr Wunderlich missmutig. Von PersonalfĂŒhrung verstand der Mann anscheinend noch weniger als von der Medizin, dachte sich der kleine Herr Wunderlich. Der Gedanke, die angenehm stillen Toten eintauschen zu mĂŒssen, gegen lebendige Menschen, mit denen er auch noch sprechen musste, behagte ihm gar nicht. „Haus H, fragen Sie einfach nach der Oberschwester. Wenn Sie dort sind, wird Ihnen alles erklĂ€rt. Vielen Dank, Herr Wunderlich, ich wusste, dass auf Sie Verlass ist!“ Herr Wunderlich wollte noch protestieren, doch schon war Doktor Messner zur TĂŒr hinaus. Dieser Teufelskerl, dachte er sich und schĂŒttelte den Kopf. Doch was konnte er schon Ă€ndern. Er zog sich fertig an und lief durch die langen unterirdischen Korridore, welche die HĂ€user miteinander verbunden, zu Haus H.

In Haus H angekommen, meldete er sich bei der Oberschwester und wurde gleich zur Austeilung des FrĂŒhstĂŒcks eingeteilt. Es war eines der kleineren GebĂ€ude. Von außen wirkte es grau und unscheinbar, doch von innen war es hell und freundlich angestrichen und jemand hatte sich sogar die MĂŒhe gemacht, neben bunten Wandbildern auch die selbst gemalten Kunstwerke der Kinder dort aufzuhĂ€ngen. Die Kinder dort waren natĂŒrlich nicht gesund, sonst wĂ€ren Sie ja nicht im Krankenhaus, doch drang das ein oder andere Lachen und Kichern aus den RĂ€umen. Das alles nahm Herr Wunderlich jedoch nicht wahr. Er bereitete sich wieder auf angsterfĂŒllte oder misstrauische Blicke und auf Tuscheleien vor.

Langsam zog er den Essenswagen hinter sich her. Der Wagen sah aus wie ein großes Regal mit RĂ€dern, in welchem viele Tablets lagerten. Vor dem ersten Zimmer blieb Herr Wunderlich stehen und trug das erste Tablets in den Raum. Als er den Schlafsaal betrat, wurde aus dem leisen Kichern und dem Kindergeschnatter Stille. Er hielt kurz inne und betrachtete mit mĂŒrrischer Miene die zwanzig Kinder, die in ihren Betten lagen, ihre Kuscheltiere umklammerten oder sich die Decke bis zur Nase hochzogen. „FrĂŒhstĂŒck!“, knurrte er und es schien, als ob seine Mundwinkel dabei noch weiter nach unten gezogen wurden. „Wo ist denn Schwester Inge?“, fragte eines der Kinder. „Krank!“, war die knurrige Antwort und von da an blieben alle Kinder so still wie vorher. Tablett fĂŒr Tablett versorgte er die Kinder mit jeweils einem Brötchen, einer Scheibe KĂ€se und einem StĂŒckchen Gurke und Tomate. Einen Becher mit Tee gab es auch noch dazu. Als er das letzte Tablett aus dem Wagen holen wollte, stolperte er auf dem Weg ĂŒber ein am Boden liegendes Spielzeugauto. Mit seinen großen FĂŒĂŸen stolperte er sowieso oft, wenn dann noch so ein Firlefanz im Weg lag, musste das ja passieren. Er schimpfte vor sich hin, ĂŒber die Unordnung, dass die Kinder von heute keine Disziplin mehr hatten und so weiter, doch er wurde unterbrochen von 
 einem leisen Kichern.

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Im letzten Bett, welches noch auf sein FrĂŒhstĂŒckstablett wartete, saß ein kleines MĂ€dchen. Es hatte sich am Anfang ebenfalls unter seiner Decke versteckt, doch nun saß es mit einem fröhlichen LĂ€cheln, bei welchem es 4 eine Reihe von blitzblanken kleinen ZĂ€hnchen prĂ€sentierte aufrecht im Bett. Eine dunkelbraune Lockenpracht ringelte sich ungebĂ€ndigt um sein kleines Köpfchen „Findest du das etwa lustig?“, bellte Herr Wunderlich die Kleine an. Das MĂ€dchen versuchte, ernster zu schauen, aber es wollte ihr nicht so recht gelingen. „Entschuldigen Sie, ich wollte mich nicht ĂŒber sie lustig machen,“, murmelte sie, „aber sie sind witzig!“ Sie machte bei ihren letzten Worte die braunen Kulleraugen weit auf und nickte wieder lĂ€chelnd. Herr Wunderlich war ĂŒberrascht. ‚Witzig‘ hatte ihn tatsĂ€chlich noch nie jemand genannt. Er war sich nicht ganz sicher, ob er sich darĂŒber Ă€rgern oder freuen sollte. Der Lockenkopf war zwar ganz sĂŒĂŸ in seiner Art, doch sicherlich wĂŒrde es ihn auf der Straße genauso verspotten wie seine Altersgenossen. Er verzog keine Miene, nur seine Augen formten sich zu schmalen Schlitzen. „Dann solltest du lieber nicht ĂŒber andere Menschen lachen!“, knurrte er, weil ihm nichts anderes einfiel, stellte ihr das Tablett auf das Tischchen und verließ so schnell wie möglich den Raum. Mit dem gleichen Tempo versorgte er auch die anderen Zimmer. Beim AbrĂ€umen ging er ebenso zĂŒgig vor und vermied es tunlichst, auch nur einem der Kinder in die Augen zu blicken. Den Rest der Schicht verbrachte er mit dem Aufrollen von VerbĂ€nden und dem Sortieren von allerlei Instrumenten. Die Oberschwester hatte schnell gemerkt, dass er in solchen Dingen deutlich besser war als im Umgang mit den Patienten.

An diesem Abend wollte er vor dem Zubettgehen noch einen kleinen Spaziergang machen. Anders als sonst erschien ihm seine kleine Wohnung merkwĂŒrdig still und ein kleines bisschen langweilig. Beim Hinuntergehen traf er auf dem Flur Frau MĂŒller. Sie war eine sehr betagte Dame, die wie er allein lebte. „Oh hallo, Herr Wunderlich, wie geht’s Ihnen denn? Ich habe Sie schon eine Weile nicht mehr gesehen.“ Sie war trotz des Geredes aller anderen Nachbarn immer nett zu ihm gewesen. Er hatte auch das GefĂŒhl gehabt, dass sie ihm als Kind immer ein Bonbon mehr zusteckte, als den anderen Kindern. „Gut,“, murmelte er, „und selbst?“ „Ach, ich kann nicht klagen. Die Zipperlein des Alters lassen mich selten ruhen aber ich halte mich tapfer. Wer rastet, der rostet, sage ich immer.“ Sie hielt einen Augenblick inne und betrachtete ihn fĂŒr ein paar Sekunden. Dieser Blick war ihm Ă€ußerst unangenehm. Sie tat dies immer, wenn sie sich zufĂ€llig trafen und man hatte das GefĂŒhl, als wĂŒrde sie nicht nur das Äußere, sondern auch alle Gedanken intensiv durchleuchten. „Sie sind ein wenig blass, Herr Wunderlich, Sie sollten öfters mal hinausgehen an die frische Luft.“, fuhr sie mit einem tadelnden Ton fort. „Ihre Mutter war mir eine ausgesprochen enge und vertraute Freundin. Jetzt, wo sie das nicht mehr tut, muss ich wohl ein klein wenig mit Ihnen schimpfen.“ „Ich war grad auf dem Weg.“, antwortete Herr Wunderlich schnell, damit sie bloß nicht weiterredete. Ihr Gesicht erhellte sich durch ein liebevolles LĂ€cheln. „Dann ist ja gut! Nehmen sie es mir nicht ĂŒbel, aber um die netten Menschen macht man sich immer am meisten Sorgen. Einen schönen Abend wĂŒnsche ich Ihnen!“ Sie zupfte ihm ein paar Fusseln vom Mantel und schloss die TĂŒr. Wie jeden Tag nahm er den MĂŒlleimer, den sie zuvor neben die TĂŒr gestellt hatte, mit hinunter und entleerte ihn, um ihn auf dem RĂŒckweg wieder mit hoch zu nehmen. Das war ein wortloses Spiel, das sie irgendwann einmal begonnen hatten, als die alte Dame einmal vergessen hatte, den Eimer selbst hinunter zu bringen. Es war ihm fast etwas peinlich, dass sie sich immer noch mit Bonbons dafĂŒr bedankte. Er wollte aber nichts dagegen sagen, er mochte die SĂŒĂŸigkeiten.

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Der kleine Mann war schon lange nicht mehr abends ausgegangen, seine Wege außerhalb seiner Wohnung beschrĂ€nkten sich auf den Weg zur Arbeit, zum LebensmittelhĂ€ndler um die Ecke und hin und wieder zum Friseur. Die Luft draußen war kalt, aber klar. Die Autos fuhren knatternd an ihm vorbei und es zog ihn in die Innenstadt. Durch die noch hell erleuchteten Straßen war er schon seit Ewigkeiten nicht mehr gelaufen. Herr Wunderlich beobachtete die Menschen, wie sie in den CafĂ©s saßen, sich unterhielten und lachten. In einem Salon wurde sogar getanzt. Von draußen war die lebhafte Musik hören, durch die Scheibe konnte man am anderen Ende des Raumes eine kleine Band sehen. Die Damen trugen hĂŒbsche Kleider mit Absatzschuhen. Die Herren trugen feine AnzĂŒge und sahen höchst adrett aus. Herr Wunderlich ertappte sich dabei, wie er ĂŒberlegte, ob ihm ein solcher Anzug nicht vielleicht auch stehen wĂŒrde und ob eine der hĂŒbschen Damen nicht auch mit ihm tanzen wĂŒrde. Sofort Ă€rgerte er sich ĂŒber seine Dummheit. NatĂŒrlich wĂŒrde das keine, mit seinem watscheligen Gang und seinen zu großen FĂŒĂŸen wĂŒrde er ihr nur auf die FĂŒĂŸe treten, das war doch offensichtlich. Seine Augenbrauen, zogen sich wieder tief zwischen seine Augen und seine Lippen wurden wieder zu schmalen Streifen, die an den Seiten tief nach unten hingen. So ein Blödsinn! Er machte sich griesgrĂ€mig wie vorher auf den RĂŒckweg. Zu Hause angekommen genoss er jedoch nicht die Stille und die Einsamkeit, wie sonst. Irgendwie fĂŒhlte sich heute sein Leben eigenartig an.

Am nĂ€chsten Tag begann er wieder mit seiner tĂ€glichen Routine auf der Kinderstation. Nach den paar Tagen vermisste er die Pathologie gar nicht mehr, wie er dies am Anfang der Woche noch getan hatte. Ganz im Gegenteil, er freute sich sogar auf den Dienst auf Station. Diesen Morgen hatte er sich sogar dabei erwischt, in seinem Kopf ein Lied zu summen. Einen der neuen Schlager, den er bei seinem Spaziergang durch die Innenstadt aus einem der CafĂ©s aufgeschnappt hatte. Und nicht nur das, das Lied drang sogar bis zu seinen Lippen hindurch, er pfiff sogar leise vor sich hin, wĂ€hrend er das FrĂŒhstĂŒck verteilte. Die Kinder schienen seine verbesserte Laune zu spĂŒren, sie waren nicht mehr so Ă€ngstlich und bisher hatte ihn auch noch keines geĂ€rgert. Als er wieder den Schlafsaal betrat, in dem der kleine freche Lockenschopf sein Bett hatte, suchte er aber vergebens nach ihrem sonst so breiten LĂ€cheln. Sie war sehr blass, schien ein bisschen traurig und erzĂ€hlte nicht so lebhaft, wie sonst. „Warum so traurig?“ fragte er sie, als er ihr das Tablett gab. „Mein Bauch hat sich wieder entzĂŒndet und das tut weh. Ich muss nochmal eine Woche hierbleiben.“ „Ach, halb so schlimm, das geht auch noch rum.“, versuchte Herr Wunderlich unbeholfen zu trösten. „Ja, aber ich vermisse mein Zuhause.“

Der kleine Mann stand etwas ratlos neben dem kleinen MĂ€dchen und wusste nicht, was er tun sollte. Er verteilte weiter das FrĂŒhstĂŒck. Als er am Schwesternzimmer vorbei kam, sah er auf dem Schreibtisch einen kleinen roten Schaumstoffball, den dort jemand vergessen haben musste und hatte eine Idee. Als er die Tabletts wieder einsammelte, gab er vor, er mĂŒsse sich die Nase putzen. Dann steckte er sich den roten Ball, in den er zuvor einen Schlitz geschnitten hatte, auf seine lange spitze Nase. Er war noch nie ein großer Unterhalter gewesen, aber die Kleine tat ihm doch ein bisschen Leid. Ohne eine Miene zu verziehen, watschelte er in das Zimmer, wie immer die Augenbrauen tief in die Stirn gezogen und die Mundwinkel fast bis zum Kinn hĂ€ngend. Die Kinder wussten nicht so recht, ob sie lachen sollten oder nicht. Er blieb stehen, wartete eine Sekunde, sah sich um und rief knurrig: „Nicht lachen!“. Die Kinder prusteten los. „Was soll das? Nicht lachen hab ich gesagt!“, wiederholte er und sie ringelten sich vor Kichern. Auch Emma lachte nun und zeigte wieder ihre kleinen weißen ZĂ€hnchen. Er sammelte alle Tablets ein und ging zu den nĂ€chsten Zimmern. Warum sollte er das gleiche nicht auch hier machen? Zimmer fĂŒr Zimmer erntete er herzlichstes GelĂ€chter und Applaus. Zum Schluss wollte er selbst breit Grinsen, aber um den Effekt nicht zu schmĂ€lern musste er es sich verkneifen, bis er den letzten Saal verlassen hatte. Auf dem Gang begegnete er der Oberschwester. Sie machte große Augen. „Das hĂ€tte ich ja nun wirklich nicht von Ihnen erwartet,“, stellte sie fest, „aber es freut mich, dass es Ihnen gefĂ€llt.“ In den nĂ€chsten Tagen freundete er sich mit seiner neuen Rolle gut an und verfeinerte sie sogar. Es machte ihm mittlerweile richtig Spaß, den griesgrĂ€migen Clown zu spielen.

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Am nĂ€chsten Tag, er schob wieder den Essenswagen durch den Flur, kam ihm der Oberarzt Dr. Ringelblum entgegen. Er trug einen Stapel Patientenakten vor sich her, als plötzlich eine Gruppe von Kindern aus der TĂŒr kam. Die Kinder waren nicht schnell, immerhin waren sie ja krank, doch der Doktor war anscheinend sehr vertieft in eine Akte, sodass er mit voller Wucht in das kleine GrĂŒppchen lief. Die Akten fielen hinunter und Herr Wunderlich half dem Doktor, alles wieder ordentlich aufzusammeln. Doktor Ringelblum bedankte sich bei Herrn Wunderlich, betrachtete ihn kurz und trat nĂ€her an ihn heran: „Kommen Sie doch mal bitte kurz in mein BĂŒro!“ Herr Wunderlich rechnete mit Schlimmem, folgte dem schweigsamen hochgewachsenen Mann mit dem ergrauten spĂ€rlichen Haarkranz. „Machen Sie bitte den Oberkörper frei!“, befahl er ihm mit sanftem aber bestimmten Tonfall. Herr Wunderlich wusste nicht, was er von dem Geschehen halten sollte, gehorchte aber. Ob gerade dieser stille und ernste Mensch in der Kinderklinik den richtigen Platz hatte?, fragte er sich. Der Arzt betrachtete durch die dicken BrillenglĂ€ser den RĂŒcken des kleinen Mannes und betastete ihn vorsichtig. Herr Wunderlich schĂ€mte sich außerordentlich. Reichte denn nicht der Spott auf der Straße? Er war hier doch nicht im Museum und auch nicht auf dem Jahrmarkt. „Sagen sie mal guter Mann, haben Sie Ihren Abszess mal untersuchen lassen?“, fragte der Doktor. Herr Wunderlich musste ihn etwas verwirrt angeschaut haben, also wiederholte der Mann seine Frage: „Der Abszess, der Buckel auf ihrem RĂŒcken. Den mĂŒssen Sie doch seit geraumer Zeit schon mit sich herum tragen.“ „Soweit ich denken kann.“ „ Nun, als Kind hatten Sie ihn wahrscheinlich noch nicht, vermute ich?“ „Als kleines Kind noch nicht.“ „Legen Sie sich dort auf die Liege.“ Der kleine Mann gehorchte wieder, bekam jedoch einen ziemlichen Schrecken, als der Arzt aus dem Schrank ein Skalpell, Tupfer und sehr viel Verbandsmaterial holte. „Keine Sorge, alles gleich erledigt.“, sagte der Arzt, „Jetzt bitte aus dem Fenster schauen und nicht bewegen!“ Plötzlich drang ein scharfer Schmerz durch Herr Wunderlichs Schulter und er schrie vor Schreck kurz auf. Der Doktor hatte ohne BetĂ€ubung tief geschnitten. Hin und wieder drĂŒckte der Arzt auf den Buckel, was ebenfalls schmerzhaft war. Doktor Ringelblum sĂ€uberte die Wunde und nĂ€hte sie mit ein paar kleinen Stichen zu, um sie mit einem Verband abzudecken. Aller wieder ohne BetĂ€ubung. „Das wird noch ein paar Tage etwas wehtun. Der Schnitt war nicht groß, es wird bald verheilt sein. Schauen Sie in den Spiegel. Wegen Ihrer WirbelsĂ€ulenverkrĂŒmmung sollten Sie sich an einen Kollegen aus der OrthopĂ€die wenden. Doktor Niedermayer ist darin recht bewandert, fragen Sie den. Gute Besserung!“ Der kleine Mann schaute in den Spiegel an der Wand und traute seinen Augen kaum. Der Buckel war fast fort. Sein RĂŒcken war zwar noch etwas krumm, aber die riesige Beule, die oben gethront hatte, war verschwunden. UnglĂ€ubig tastete er darĂŒber. „Danke!“, murmelte er erstaunt. Doktor Ringelblum jedoch war schon aus der TĂŒr. Schnell zog sich Herr Wunderlich wieder an, immerhin lief seine Schicht noch und er konnte nicht einfach so lange fehlen.

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Nach einer Woche kam die Oberschwester zu ihm. „Herr Wunderlich, hören Sie, unser Engpass ist wieder behoben, sozusagen. Ein paar Kollegen sind wieder gesund und kommen morgen wieder. Sie können ab morgen wieder in die Pathologie gehen.“ Sie seufzte kurz. „Ich denke die Kinder werden Sie vermissen und sie haben sich ja anscheinend auch ganz gut bei uns eingefunden. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder. Was ist denn mit Ihrem RĂŒcken passiert, das sieht ja schon besser aus! Herrgott, ich sehe vor lauter Arbeit alles und nichts!“ Herr Wunderlich atmete tief durch. NatĂŒrlich hatte er nur eine Woche hier aushelfen sollen, doch er war tatsĂ€chlich etwas traurig.

Als er wieder in der stillen Pathologie stand, zwischen den Toten und den Gewebeproben, kam er sich doch etwas einsam vor. Er genoss das vertraute Umfeld doch die Arbeit erschien ihm etwas sinnlos. Nach ein paar Tagen ging er nach seiner Schicht wieder zur Oberschwester der Kinderabteilung und bekam von ihr die Erlaubnis, einmal die Woche mit der Clownsnase die Kinder zu besuchen. Er ging auch zum OrthopĂ€den. Dieser zeigte ihm verschiedene Übungen und empfahl ihm mehr Sport zu treiben. Auch gab er ihm ein eigenartiges Gestell, welches er Herrn Wunderlich mit BĂ€ndern am RĂŒcken befestigte und seine WirbelsĂ€ule wieder begradigen sollte. Es war unbequem und drĂŒckte, doch und er sollte es jede Woche etwas enger schnallen.

Einige Monate spĂ€ter, als er nach seiner Schicht auf dem Heimweg war, stand die kleine Emma mit ihrer Mutter an der Hand mit einem blauen MĂ€ntelchen und blauer MĂŒtze vor ihm in der Straßenbahn. „Hallo, Herr Wunderlich!“, grĂŒĂŸte sie ihn fröhlich. Ihre Mutter schaute sie erstaunt an, blickte erst auf ihre Tochter und dann auf Herrn Wunderlich. „Kennst du den Mann?“, fragte sie. Emma erzĂ€hlte ihrer Mutter von ihrer Zeit im Krankenhaus und dass der kleine Mann sie und die anderen Kinder zum Lachen gebracht hatte. Die Mutter begann zu lĂ€cheln. Sie bedankte sich vielmals fĂŒr seine Freundlichkeit und auch Herr Wunderlich musste unwillkĂŒrlich lĂ€cheln, nickte aber nur als Dank, da er nicht so richtig wusste, was er sagen sollte.

Als er wieder Frau MĂŒller im Treppenhaus begegnete, sah sie ihn fröhlich an: „Mensch, Herr Wunderlich, sie sehen ja viel besser aus. Haben Sie meinen Rat beherzigt und sind öfters mal an die frische Luft gegangen? Wenn sie nicht mehr so grimmig dreinschauen, sind sie ein richtig hĂŒbscher junger Mann, wissen Sie das?“ Sie erzĂ€hlte noch eine Weile weiter und Herr Wunderlich hörte sich alles schweigend an und nickte lĂ€chelnd. Seine Wohnung schien ihm auch nicht mehr so einsam und er hatte sich vorgenommen, demnĂ€chst zu einem Herrenausstatter zu schauen und einen der schicken AnzĂŒge anzuprobieren, die er an den adretten MĂ€nnern in den CafĂ©s so bewundert hatte.

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Sophie Seifeddine Beitragsbild

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