Waltrudis und das Lebkuchenhaus

Eine winterliche Kindergeschichte
von Sabine Houtrouw

Die alte Weihnachtsfee Waltrudis arbeitet in einer Weihnachtsb├Ąckerei und ├╝berlegte schon seit einiger Zeit, ob es nicht Zeit f├╝r sie w├Ąre, mit ihrer Arbeit aufzuh├Âren. Aber dann hatte sie das Gef├╝hl, dass es noch eine Aufgabe gab, die sie zu erf├╝llen hatte. Sie wusste nur nicht, was es war…

Nach Alter: Ab 3 Jahre

Nach Lesedauer: Ca. 20 Minuten

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Es war einmal eine kleine Fee namens Waltrudis.
Wenn ihr euch jetzt ├╝ber den Namen wundert, weil ihr ihn noch nie geh├Ârt habt, dann liegt es daran, dass Waltrudis schon eine sehr alte Fee war.

Sie lebte im hohen Norden und arbeitete in der Weihnachtsb├Ąckerei. Wie alle Weihnachtsfeen trug sie ein Kleid in dunklem Tannengr├╝n und spitze Schuhe in derselben Farbe. Dazu eine rot-wei├č geringelte Strumpfhose und eine rote Sch├╝rze. Trotzdem unterschied sich Waltrudis sehr von den anderen Feen in der Weihnachtsb├Ąckerei und das lag nicht nur an ihren grauen Haaren und den vielen Falten im Gesicht. Waltrudis war noch eine Fee vom alten Schlag, wie eure Oma oder euer Opa vielleicht sagen w├╝rden.

Im Laufe der vielen Hundert Jahre, in denen man schon Weihnachten feierte, hatte sich auf der Welt einiges ver├Ąndert. Aber nicht nur dort. Auch die Weihnachtsb├Ąckerei sah ganz anders aus als zu der Zeit, da Waltrudis dort als junge Fee angefangen hatte. Sie erinnerte sich noch gut daran, auch wenn es schon lange, lange her war. Das Erste, was sie damals gebacken hatte, war ein Lebkuchenhaus gewesen. Sie hatte sich an das Rezept gehalten, wie alle anderen Feen auch, aber sie konnte es nicht lassen, besonders viel Liebe und eine Prise Feenstaub mit in den Teig zu geben. Immer wieder probierte sie den Teig, bis sie endlich damit zufrieden war. Es ist nicht gelogen zu sagen, dass sie den besten Lebkuchen von allen backte!

Im Laufe der Jahre war sie durch das viele Naschen ganz sch├Ân pummelig geworden. Trotzdem h├Ârte sie nicht damit auf. Es war ja nicht so, dass sie nicht mehr fliegen konnte, weil sie zu dick war. Sie flog nur etwas langsamer und eher dicht ├╝ber dem Boden. Dabei sah sie ein bisschen aus, wie eine Weihnachtshummel.

Inzwischen waren alle ihre Freundinnen in den Ruhestand gegangen und hatten die Weihnachtsb├Ąckerei den jungen Feen ├╝berlassen. Auch die B├Ąckerei selbst hatte man modernisiert. Es gab jetzt neue und gr├Â├čere ├ľfen, Teigr├╝hrmaschinen und sogar Maschinen, die jedes Mal genau die richtige Menge an Zutaten in die Sch├╝sseln f├╝llte. Probieren musste niemand mehr, denn jeder Teig war immer genau so, wie er sein sollte. Die jungen Feen backten mit der gleichen Freude und Hingabe wie die alten, aber doch ein bisschen anders. In der hintersten Ecke stand noch ein einzelner alter Ofen, der mit Holz befeuert wurde. Er war der letzte seiner Art und dort arbeitete Waltrudis. Jedes Jahr ├╝berlegte sie, ob es nicht an der Zeit w├Ąre aufzuh├Âren. Aber dann hatte sie das Gef├╝hl, dass es noch eine Aufgabe gab, die sie zu erf├╝llen hatte. Sie wusste nur nicht, was es war.

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Eines Tages kam der Weihnachtsmann in die B├Ąckerei und hielt einen Brief in der Hand. ┬╗Ihr Lieben, w├╝rdet ihr mir bitte einen Moment zuh├Âren? Ich habe einen ganz besonderen Wunschzettel erhalten, den ich euch gerne vorlesen m├Âchte.┬ź

Alle Feen stellten sofort ihre Arbeit ein und liefen oder flogen zum Weihnachtsmann. Normalerweise k├╝mmerten sich die Spielzeugelfen um die Geschenke. Was konnte sich denn ein Kind aus der Weihnachtsb├Ąckerei w├╝nschen? Die Pl├Ątzchen und Kuchen gingen ohnehin an alle Familien auf der Welt! Waltrudis brauchte ein wenig l├Ąnger, bis sie beim Weihnachtsmann angekommen war und stand in der letzten Reihe. Zum Gl├╝ck hatte der Weihnachtsmann eine tiefe Stimme, die laut genug war, dass sie ihn auch hier noch gut verstehen konnte. Er r├Ąusperte sich und begann zu lesen:

┬╗Lieber Weihnachtsmann,

ich hei├če Lisa und bin 11 Jahre alt. Ich wohne in Eitorf, aber das wei├čt du ja vermutlich, da ich dir jedes Jahr einen Brief schreibe. Mein Wunschzettel f├Ąllt dieses Jahr ein bisschen k├╝rzer aus als sonst, aber daf├╝r hoffe ich, dass du mir den einen Wunsch auch wirklich erf├╝llen wirst.

Dieses Jahr ist meine Oma gestorben. Sie war schon sehr alt und ich wei├č, dass du sie nicht wieder lebendig machen kannst. Wir haben jedes Jahr in der Adventszeit gemeinsam ein Lebkuchenhaus gebaut. Sie hat die Lebkuchen gebacken und dann haben wir zusammen das Haus dekoriert. Ich habe ihr Rezept gefunden und versucht, die Lebkuchen selbst zu backen, aber sie schmecken nicht richtig. Auch als meine Mutter mir geholfen hat, war es so, als fehlte etwas. Eine kleine, aber wichtige Zutat, die einfach nicht auf dem Zettel steht. Deshalb w├╝nsche ich mir dieses Jahr nur eine Sache von dir. Ich h├Ątte gerne ein Lebkuchenhaus, das so ist wie die von meiner Oma. Ich vermisse sie so sehr. Das war es auch schon und ich hoffe wirklich, wirklich, wirklich, dass du es schaffst. Aber wenn nicht du, wer dann?

Ganz liebe Gr├╝├če,
Deine Lisa

PS: Ich leg dir noch ein Foto vom letzten Jahr bei. Dann hast du eine Vorstellung davon, wie das Haus aussehen k├Ânnte.┬ź

In der Weihnachtsb├Ąckerei war es pl├Âtzlich ganz still. Die eine oder andere Fee schluckte schwer und Waltrudis wischte sich sogar ein kleines Tr├Ąnchen aus den Augen. Das Foto lie├č der Weihnachtsmann herumreichen und als Waltrudis es sah, staunte sie nicht schlecht. Darauf waren Lisa und ihre Oma zu sehen. Zwischen ihnen auf dem Tisch stand ihr Lebkuchenhaus. Ach was, das war ein Lebkuchenpalast! Noch nie hatte die alte Fee ein sch├Âneres gesehen. Erst, als sie sacht in die Seite geknufft wurde, reichte Waltrudis das Foto weiter.

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┬╗Wer hat eine Idee, wie wir den Wunsch erf├╝llen k├Ânnen?┬ź, fragte der Weihnachtsmann. Mehrere H├Ąnde schnellten in die H├Âhe. Der Weihnachtsmann deutete zuerst auf Felix, der sofort antwortete: ┬╗Wir haben doch unsere Lebkuchenproduktion! Wir k├Ânnen ein gro├čes Haus bauen, mit zwei Etagen. Zudem w├╝rde ich einen bunten Zuckerguss nehmen und nicht den wei├čen. Vielleicht f├Ąrben wir ihn blau!┬ź

┬╗Nein rosa!┬ź, widersprach Emelie. ┬╗Sie ist doch ein M├Ądchen!┬ź Danach ging eine laute Diskussion los, bei der alle wild durcheinander sprachen.

┬╗RUHE!┬ź, rief der Weihnachtsmann und alle Feen verstummten. In der letzten Reihe h├╝pfte jedoch eine kleine dicke Fee in die H├Âhe und hoffte, endlich gesehen zu werden. ┬╗Waltrudis komm nach vorne und sage mir, was du dazu denkst.┬ź

Die Feen bildeten eine Gasse und Waltrudis ging hindurch, bis sie vor dem Weihnachtsmann stehen blieb. ┬╗Wir k├Ânnen ihren Wunsch hier nicht erf├╝llen. Tut mir leid.┬ź

Bevor sie weitersprechen konnte, schimpften die Feen um sie herum emp├Ârt: ┬╗Nat├╝rlich k├Ânnen wir das! Wir sind B├Ąckerfeen! Wir backen den perfekten Lebkuchen!┬ź, t├Ânten die Rufe von allen Seiten.

┬╗Wie meinst du das?┬ź, hakte der Weihnachtsmann nach.

┬╗Ich meine es so, wie ich es sage. Wir k├Ânnen ihren Wunsch HIER nicht erf├╝llen. Wir haben nicht das richtige Rezept. Mag sein, dass unser Lebkuchen perfekt ist, aber f├╝r Lisa w├╝rde er trotzdem falsch schmecken. Da helfen auch keine zwei Etagen und kein bunter Zuckerguss.┬ź Jetzt widersprach ihr niemand mehr und alle Feen schauten traurig in die Runde.

┬╗Hm┬ź, brummte der Weihnachtsmann. ┬╗Dann k├Ânnen wir ihren Wunsch nicht erf├╝llen.┬ź

┬╗Das habe ich nicht gesagt┬ź, korrigierte Waltrudis. Alle Augen in der Weihnachtsb├Ąckerei waren nun auf sie gerichtet. ┬╗Wenn wir das richtige Rezept haben, k├Ânnen wir es auch backen. Aber da das Rezept bei Lisa ist, m├╝ssen wir auch dort backen. Vielleicht finden wir auch heraus, welche Zutat fehlt.┬ź

┬╗Das ist eine wunderbare Idee!┬ź, freute sich der Weihnachtsmann. ┬╗Wer m├Âchte diese Aufgabe ├╝bernehmen?┬ź Die Feen waren mit einem Mal so still, dass man das Knistern der ├äste in Waltrudis kleinem Ofen h├Âren konnte. Keine der Feen hatte jemals die Weihnachtsb├Ąckerei verlassen! Nach langem Schweigen meldete sich Waltrudis.

┬╗Bist du dir ganz sicher?┬ź, fragte der Weihnachtsmann freundlich. ┬╗Du bist nicht mehr die J├╝ngste und der Weg ist weit!┬ź

┬╗Das bist du auch nicht und dennoch machst du dich jedes Jahr auf den Weg um die Welt. Da werde ich wohl auch den Weg zu einem kleinen M├Ądchen schaffen.┬ź Vielleicht war das hier ihre Aufgabe, auf die sie so lange gewartet hatte. Der Weihnachtsmann lachte mit dunklem ┬╗Ho, ho, ho┬ź und nickte. Damit war die Sache beschlossen. Die anderen Feen gingen wieder an ihre Arbeit und Waltrudis packte ihre Sachen, die sie unbedingt mitnehmen wollte. Ihre Lieblingssch├╝rze und den alten R├╝hrl├Âffel, mit dem sie ihr erstes Lebkuchenhaus gebacken hatte. Er w├╝rde ihr auch beim letzten Haus noch gute Dienste erweisen. Damit war sie bereit f├╝r die Reise.

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Der Weg war tats├Ąchlich sehr weit und als Waltrudis endlich in Eitorf ankam und nach Lisas Haus suchte, war es schon fr├╝h am n├Ąchsten Morgen. Vielleicht w├Ąre es in den letzten Jahren doch besser gewesen, nicht so viel zu naschen, denn sie schnaufte ordentlich. Dennoch hatten ihre kleinen Fl├╝gel gute Arbeit geleistet und sie sicher ans Ziel getragen. Es war niemand zu Hause, denn Lisas Eltern waren bereits zur Arbeit gegangen und sie selbst zur Schule.

Als Waltrudis in Lisas Zimmer stand, staunte sie sehr. Es sah dort aus, wie in einer Backstube. Der Schreibtisch war mit einer Wachstischdecke abgedeckt und stand voll mit Gl├Ąsern und Dosen, in denen sich alle erdenklichen S├╝├čigkeiten befanden, mit denen man ein Lebkuchenhaus verzieren konnte. Selbst eine lange Pinzette, die so gro├č war wie Waltrudis selbst, lag bereit, um genauer arbeiten zu k├Ânnen. Was jedoch fehlte, waren die Lebkuchen. In der Mitte des Schreibtisches lag ein vergilbter alter Zettel. Es klebten mehr getrocknete Teigreste am Papier als an Waltrudis Sch├╝rze nach einem langen Backtag! Sie las sich das Rezept durch und konnte auf den ersten Blick nicht erkennen, was offensichtlich fehlte. Sie rollte den Zettel zusammen und flog mit ihm in die K├╝che. Das Haus war sehr alt und hatte offenbar Lisas Gro├čmutter geh├Ârt. In der Ecke stand sogar noch ein alter Ofen, der mit Holz befeuert wurde. Genau wie Waltrudis Ofen in der Weihnachtsb├Ąckerei, nur viel gr├Â├čer. Die kleine Fee flatterte in der Luft und strich liebevoll ├╝ber die Kante des Ofens und machte sich anschlie├čend an die Arbeit.

Die gr├Â├čte Herausforderung bestand darin, mit den riesigen Sch├╝sseln und Ger├Ąten zu arbeiten. Waltrudis verbrauchte dadurch eine Menge ihres Feenstaubs, aber das hielt sie nicht auf. Als der Teig fertig war, zupfte Waltrudis ein St├╝ckchen ab und steckte es sich in den Mund. Er schmeckte k├Âstlich und erinnerte sie an ihr eigenes Lebkuchenrezept, nach dem sie immer backte. Aber Lisa hatte es richtig erkannt, etwas fehlte. Aber was?

Waltrudis flog durch die K├╝che und sah sich um. Irgendwo in diesem Raum musste es die Antwort geben, das sp├╝rte sie! An den W├Ąnden hingen viele Fotos. Auf mehreren erkannte sie Lisa und ihre Oma mit einem Lebkuchenhaus. Aber es gab auch ein Bild, das noch viel ├Ąlter war, in Schwarz und Wei├č. Es zeigte Lisas Oma als kleines M├Ądchen und deren Oma. Auch die beiden hatten schon an Weihnachten zusammen gebacken. Bei all den Bildern wurde es Waltrudis ganz warm ums Herz. Jetzt wusste sie, was dem Rezept fehlte! Sie flog zur├╝ck zum Teig und streute eine kleine Prise Feenstaub dar├╝ber. Dann knetete sie ihn erneut und lie├č all die Liebe mit einflie├čen, die man auf den Fotos nicht sehen, aber deutlich sp├╝ren konnte. Au├čerdem f├╝gte sie noch eine Prise Zimt dazu. Als sie den Teig ein zweites Mal probierte, war er perfekt. Sie feuerte den alten Ofen an, denn von dem modernen daneben hielt sie nicht viel. W├Ąhrend sie die Lebkuchen im Ofen hatte, brachte Waltrudis die K├╝che wieder in Ordnung.

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Es duftete herrlich durchs ganze Haus, als Waltrudis mit den Lebkuchen in Lisas Zimmer flog. Das Backen war der eine Teil und das Bauen der andere. Jetzt war Handarbeit angesagt und die alte Fee krempelte sich die ├ärmel hoch. Mit ganz viel Zuckerguss klebte sie die W├Ąnde zusammen und begann das H├Ąuschen von au├čen zu dekorieren. Das Dach konnte sie erst aufsetzen, wenn die W├Ąnde stabil zusammenhielten. Sie hatte an den Seiten Fenster gelassen und auch die T├╝r leicht ge├Âffnet eingesetzt, sodass man auch ins Innere schauen konnte. Wenn dies wirklich ihr letztes Lebkuchenhaus werden w├╝rde, dann sollte es ein besonderes sein! Sie deckte das Dach mit lauter kleinen Butterkeksen ein, die wie Dachschindeln aussahen. Dann verzierte sie diese mit Zuckerguss und bunten Perlen. Auch der Schornstein durfte nicht fehlen. Als Waltrudis damit fertig war, lagen noch so viele S├╝├čigkeiten bereit, dass es eine Schande w├Ąre, wenn sie diese nicht benutzte! Lisa hatte bunte Bonbons geschmolzen und die Masse auf ein gro├čes Blatt Backpapier gegossen. Daraus lie├čen sich wundersch├Âne Flie├čen brechen, die blau schimmerten. Damit w├╝rde sie die W├Ąnde gestalten. Und aus den Toffeebonbons konnte sie einen Boden zaubern, der wie Holzdielen aussehen sollte. Es w├Ąre das erste Lebkuchenhaus, dass sie nicht nur von au├čen, sondern auch von innen verzieren w├╝rde.

Waltrudis lie├č alles, was sie verwenden wollte, von oben ins Innere des Hauses schweben und flatterte hinterher. Anschlie├čend setzte sie das Dach auf und klebte es mit Zuckerguss von innen fest. W├Ąhrend es trocknete, hatte sie genug Zeit f├╝r ihre Arbeit. Die kleine Fee konnte ├╝berhaupt nicht mehr aufh├Âren. Immer, wenn sie dachte, sie sei fertig, fiel ihr etwas ein, was sie noch unbedingt anbringen wollte. Einen Kronleuchter aus Zuckerperlen, einen Sessel aus Gummidrops, Vorh├Ąnge aus feinster Zuckerwatte und noch vieles mehr. Als sie endlich alles im Haus verarbeitet hatte, wischte sich Waltrudis den Zuckerguss von der Stirn. Das letzte K├Ârnchen Feenstaub war verbraucht worden, um den kleinen Ofen zu bauen und in die Ecke des Zimmers zu stellen. Sie war fertig und wirklich sehr stolz auf ihr Werk. Zufrieden sah sie sich ein letztes Mal im Innern um. Dann lief sie zur T├╝r und wollte sie aufschieben, aber das ging nicht! Sie war ja fest an ihre Position geklebt!

Waltrudis atmete tief ein, zog den Bauch an und versuchte, sich durch den T├╝rspalt zu pressen. Sie schob sich Millimeter f├╝r Millimeter vorw├Ąrts, bis der getrocknete Zuckerguss gef├Ąhrlich zu knacken begann. Schnell trat sie einen Schritt zur├╝ck. Vielleicht w├╝rde es gehen, wenn sie die Sch├╝rze auszog. Ein zweites Mal versuchte sie es und hielt dabei sogar die Luft an. Aber als die ersten kleinen St├╝cke aus dem Zuckerguss brachen, gab Waltrudis auf. Es klappte nicht, sie war einfach zu dick f├╝r diese T├╝r. Auch die Fenster waren zu klein und vermutlich h├Ątte sie die Vorh├Ąnge beim Versuch ruiniert. Der Schornstein war nur von au├čen aufgesetzt, und bot ebenfalls keinen Weg nach drau├čen. Vielleicht konnte sie sich schlanker zaubern! Dann w├╝rde sie durch die T├╝r passen. Waltrudis sch├╝ttelte ihr kleines S├Ąckchen, aber es war nicht ein einziges K├Ârnchen Feenstaub mehr ├╝brig. Wie sie es auch drehte und wendete, sie sa├č im sch├Ânsten Lebkuchenhaus, das sie je gebacken hatte, fest. Seufzend lie├č sie sich in den Dropssessel fallen und rieb sich die Schl├Ąfen. Es musste doch eine L├Âsung f├╝r ihr Problem geben. Eine, bei der sie nicht die T├╝r kaputtdr├╝cken w├╝rde. Waltrudis war ersch├Âpft und schloss f├╝r einen kurzen Augenblick die Augen.

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┬╗Ich glaub es nicht! Er hat meinen Brief wirklich gelesen!┬ź Ruckartig fuhr die alte Fee in die H├Âhe. Die Worte hatten sie aus dem Schlaf gerissen, dabei hatte sie ├╝berhaupt nicht schlafen wollen! Wer hatte da gerade gesprochen? War es Lisa? Waltrudis suchte nach einer M├Âglichkeit um sich zu verstecken, aber hier gab es nichts. Als das Lebkuchenhaus hochgehoben wurde, verlor sie das Gleichgewicht und purzelte polternd gegen die n├Ąchste Wand. ┬╗Au!┬ź, st├Âhnte sie und rieb sich den Hintern.

┬╗Oh, mein Gott, wie s├╝├č ist das denn? Da ist ja ein Sessel und es gibt Vorh├Ąnge an den Fenstern. Ein kleiner Ofen in der Ecke und sogar eine Fee am Boden! Moment Mal! Eine kleine Fee?┬ź Lisa drehte das Lebkuchenhaus, um durch alle Fenster und durch den T├╝rspalt schauen zu k├Ânnen. Nie zuvor hatte sie eine so s├╝├če Einrichtung in einem kleinen Haus gesehen. Doch als sich die dicke Fee bewegte und wieder auf ihre F├╝├če m├╝hte, h├Ątte Lisa das Haus fast vor Schreck fallenlassen. Vorsichtig stellte sie es zur├╝ck auf den Schreibtisch und setzte sich auf einen Hocker davor. Jetzt war sie auf der richtigen H├Âhe, um ins Lebkuchenhaus schauen zu k├Ânnen. Als sich die Fee zu ihr umdrehte, verschlug es ihr fast den Atem. ┬╗Oma?┬ź, fragte sie zaghaft. Lisa wusste, dass das nicht m├Âglich war, aber die kleine Fee sah tats├Ąchlich aus wie ihre Oma. Nur viel kleiner und mit Fl├╝geln. Die gr├╝nen Augen leuchteten hinter einer winzigen Brille. Mehl hing in den tiefen Falten ihres Gesichts. Die grauen Haare waren in einem Knoten zusammengebunden. Ein paar feine Str├Ąhnen hatten sich daraus gel├Âst und standen nun in alle Richtungen ab. Sie trug ├╝ber ihrem gr├╝nen Kleid eine dunkelrote Sch├╝rze mit Teigflecken darauf. Selbst die Figur wirkte so weich und rund wie bei ihrer Oma.

┬╗Ich f├╝rchte nicht. Mein Name ist Waltrudis und ich komme aus der Weihnachtsb├Ąckerei.┬ź, antwortete die Fee.

┬╗Dann gibt es den Weihnachtsmann tats├Ąchlich und er hat meinen Wunschzettel bekommen.┬ź Lisa strahlte.

┬╗Ja, das hat er und nat├╝rlich gibt es ihn! Warum h├Ąttest du ihm denn sonst schreiben sollen?┬ź, erwiderte Waltrudis emp├Ârt.

┬╗Ich wei├č auch nicht. Ich war nur nicht ganz sicher. Aber sag mal, was machst du denn in meinem Lebkuchenhaus?┬ź, erkundigte sich Lisa.

┬╗Ich habe es gebacken und dekoriert!┬ź, erkl├Ąrte die Fee stolz. ┬╗Aber dann kam ich nicht mehr rechtzeitig weg. Ich habe nicht durch die T├╝r gepasst.┬ź

┬╗Oh┬ź, kam es von Lisa und Waltrudis konnte ihr nur zustimmen. ┬╗Kann ich die T├╝r nicht einfach abbrechen, damit du raus kommst?┬ź

┬╗Nat├╝rlich geht das. Es ist ja dein Lebkuchenhaus. Nur ist es dann ein bisschen kaputt.┬ź, meinte Waltrudis traurig.

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┬╗Ach, das ist nicht schlimm. Es ist doch schlie├člich zum Essen da.┬ź Vorsichtig zog Lisa die T├╝r auf und l├Âste sie vom Haus ab. Jetzt war genug Platz f├╝r Waltrudis, um aus dem Haus zu kommen. Sie sah zu, wie Lisa in die T├╝r biss und gen├╝sslich kaute. ┬╗Wow, genau so muss der Lebkuchen schmecken! Er ist einfach gro├čartig.┬ź Mit vollem Mund war sie zwar schlecht zu verstehen, aber Waltrudis freute sich trotzdem ├╝ber das Kompliment. Als Lisa geschluckt hatte, sagte sie: ┬╗Ich danke dir. Das ist das sch├Ânste Geschenk, das du mir machen konntest. Ich werde jeden Tag nur ein kleines St├╝ckchen essen, damit es bis Weihnachten reicht. Aber den Ofen nicht. Den werde ich behalten.┬ź

┬╗Das freut mich sehr. Aber jetzt wird es f├╝r mich Zeit, wieder nach Hause zu gehen.┬ź Auf dem Tisch sah Waltrudis ein kleinwenig Feenstaub liegen. Nicht viel, aber es w├╝rde f├╝r den Heimweg reichen. Sie sammelte ihn mit den Fingern auf und bestreute ihre Fl├╝gel. Bevor sie jedoch starten konnte, hielt Lisa sie einen Moment zur├╝ck.

┬╗Eine Frage habe ich aber noch.┬ź Lisa sah die kleine Fee bittend an. ┬╗Kannst du mir verraten, was du an dem Rezept ge├Ąndert hast? Warum schmeckt es jetzt so, wie es soll und bei mir nicht?┬ź Waltrudis ├╝berlegte einen Moment.

┬╗Es fehlte eine Prise Zimt. Au├čerdem braucht der Teig viel Zeit und Liebe. Vielleicht macht auch der Ofen den entscheidenden Unterschied. Und eine Prise Feenstaub hilft immer.┬ź, antwortete die kleine Fee.

Jetzt lie├č Lisa traurig die Schultern h├Ąngen. ┬╗Zimt, Zeit und Liebe bekomme ich hin. Mit dem Ofen kann mir meine Mutter helfen, aber wo bekomme ich den Feenstaub her?┬ź

┬╗Na denk doch mal nach!┬ź, sagte Waltrudis lachend und sah sie schelmisch an. Lisas Augen wurden gro├č.

┬╗Meinst du, den kann ich mir vom Weihnachtsmann w├╝nschen?┬ź

┬╗Na ganz bestimmt! Und ich werde ihn dir pers├Ânlich vorbeibringen. Vielleicht k├Ânnen wir dann ja gemeinsam backen.┬ź

Lisa hob die kleine Fee auf ihre Hand und trug sie zum Fenster. Bevor sie es ├Âffnete, sah sie sich Waltrudis ganz genau an. Es war wirklich, als w├Ąre ihre Oma noch einmal zu ihr gekommen. Und vielleicht w├╝rden sie sich n├Ąchstes Jahr wiedersehen. Ganz vorsichtig gab sie der Fee einen Kuss. ┬╗Das w├Ąre das sch├Ânste Weihnachtsgeschenk.┬ź

Waltrudis wartete darauf, dass Lisa ihr das Fenster ├Âffnete. Sie winkte ein letztes Mal und machte sich auf den weiten Weg zur Weihnachtsb├Ąckerei.

Eigentlich hatte sie gedacht, dass es jetzt Zeit w├Ąre aufzuh├Âren. Aber sie wusste ganz genau, dass sie noch eine Aufgabe zu erf├╝llen hatte.

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