Kapitel 2: Der Mondbär
Darum geht's
Nach einer holprigen Landung findet sich ein brillanter Affe, der gerade erst aus dem Labor geflohen ist, erneut im Käfig – diesmal neben einem rätselhaft traurigen Bären. Trotz ihrer aussichtslosen Lage ist der Affe entschlossen: Mit seiner neuesten, sonnenbetriebenen Erfindung will er nicht nur sich selbst, sondern auch seinen neuen Freund in die Freiheit beamen, weg von allem, was Mensch und Tier verstehen können.
„Wo zum Affengaffen bin ich hier?“ Der Affe erschrickt, als er sich nach einer harten Landung aufrappelt.
Nur eine Armlänge von ihm entfernt sitzt ein großer Bär. Der Affe starrt ihn an und traut sich nicht sich zu bewegen. Der Bär hat ihn noch nicht entdeckt. Leise will sich der Affe davonschleichen. Er macht einen Schritt zurück und … und kommt nicht weiter.
Erst jetzt bemerkt er, dass er nicht in der Freiheit, sondern wieder in einem Käfig gelandet ist. Vorsichtig wandert sein Blick erneut zu dem Bären. Je länger der Affe den Bären beobachtet, desto weniger Angst hat er. Der Bär sieht nicht furchterregend, sondern furchtbar traurig aus. Sein Rücken ist gekrümmt, sein Kopf gesenkt.
„He du“, sagt der Affe schließlich.
Erst jetzt bemerkt ihn der Bär.
„Wer bist du?“ fragt der Affe. „He, ich hab dich gefragt, wer du bist. Nicht antworten ist unhöflich.“
„Wer sagt das?“ brummt der Bär dann doch zurück.
„Na ich. Also eigentlich sag nicht ich sowas, sondern Mensch. Affen haben es bestimmt nicht so mit der Höflichkeit… Ist ja auch egal. Wenn ich dich so ansehe, dann glaub ich, dir geht’s wie mir. Wunderst du dich denn gar nicht, wie ich hierhergekommen bin?“
„Mich wundert nichts mehr“, murmelt der Bär und senkt den Kopf.
Der Affe ignoriert die Antwort des Bären: „Willst du es wissen? Es ist abgefahren, sage ich dir.“
„Ich will nichts mehr wissen“, brummt der Bär.
Aber der Affe gibt sich nicht geschlagen: „Wie lange bist du schon hier? Du siehst ja ganz verbogen aus, wie du da so sitzt.“
„Ich weiß es nicht“, brummt der Bär wieder.
„Was haben sie mit dir gemacht?“, fragt der Affe.
„Ich weiß es nicht,“ wiederholt der Bär den Satz, wie ein Mantra.
Der Affe stemmt seine Hände in die Hüfte und denkt nach: „Wie kann jemand nur so wenig wissen.“
Als hätte der Bär seine Gedanken gehört, antwortet er ihm: „Seit ich denken kann, bin ich hier und seit ich hier bin, kann ich mir nicht erklären warum. Ich weiß nichts und ich will auch nichts mehr wissen.“
Jetzt versteht der Affe: „Hollala! Affensache. Du hast das Tiersein verloren.
Genau wie ich. Ich bin Nr. 47.“ Der Affe streckt dem Bären die Hand entgegen und der Bär hebt endlich seinen Kopf: „Mondbär.“
Der Affe ist erstaunt: „Du heißt Mondbär. Ist das hier der Mond?“
Der Bär antwortet unwirsch: „Blödsinn!“, und winkt mit einer Pranke ab.
Der Affe überlegt und mustert den Bären noch eindringlicher. „Na ja, ab jetzt bist du ein Glücksbärli, weil du mich getroffen hast. Ich nehme an, du willst hier raus?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, setzt der Affe fort: „Hollala, hollaka! Ich bin genau der, den du brauchst! Denn ich bin nicht nur eine Nummer, ich bin ein genialer Erfinder. Ich habe ein Gerät erfunden, das es zuvor noch nie gegeben hat, denn ich habe es ja erfunden. Damit bin ich hierhergekommen und damit kommen wir auch wieder weg. Du willst doch nicht hierbleiben, oder? Du kannst mir vertrauen. Wir sind so schnell weg, da wird uns keiner aufhalten. Es ist nicht so Einfältiges wie ein Auto, ein Zug oder gar ein Flugzeug, von keinem Menschenwahn entwickelt.“
Der Bär kennt weder das eine noch das andere und zuckt nur mit den Schultern.
„Du hast wirklich noch nichts gesehen, oder?“, setzt der Affe fort, „das macht aber nichts. Was ich gebaut habe, kann weder Mensch noch Tier verstehen, und damit gehen wir jetzt auf Reisen. Stell dir vor, meine geniale Erfindung bündelt die Sonne und entwickelt eine magische Kraft, die uns überall hinbringen kann. Denn die Sonne bestrahlt ja viele Orte gleichzeitig …“
„Hier scheint aber keine Sonne,“ stellt der Bär fest. Der Affe muss ihm Recht geben. Er sieht sich im Raum um, in dem der Käfig steht. Nur ein kleines Fenster lässt Tageslicht herein und spendet spärliches Licht.
Er wendet sich wieder dem Bären zu. „Das muss Zufall sein, aber es ist dein Glück, Kumpel! Wo sind wir hier? In welchem Land?“
„Asien“, antwortet der Bär.
Der Affe ist erstaunt. Er kennt Asien aus seinen Reisen im Helmraum. Seine Verwandten kommen von dort. Aber in der virtuellen Welt sah Asien anders aus. Es war ganz bestimmt kein Käfig. Weiter kommt er in seinen Gedanken nicht. „Ich glaube, ich höre Geräusche. Da spricht wer. Komm mit! Nichts wie weg von hier! Lass uns abhauen!“, flüstert der Affe dem Bären zu.
„Wohin?“, fragt der Bär.
„Na dorthin, wo uns die Sonne hinbringt. Alles ist besser als hier. Umarm mich einfach!“ Der Bär quetscht den Affen, sodass dem fast die Luft wegbleibt. Der Affe zählt bis zehn: „Vier, zwo, zehn! Jetzt geht es los!“
Er drückt auf den Knopf seiner Erfindung und schon sind sie weg.