Der Weihnachtswunschkristall

Anne-Katrin Paulke

Ella Waldwichtel fühlt die Traurigkeit wie einen dicken Winterschal schwer auf ihre Schultern liegen. Sie ist einfach nicht so mutig wie ihre Freunde und verpasst deswegen die tollsten Spaßabenteuer.Was kann man dagegen tun? Ihre Waldwichtelomi weiß Rat: Ella muss den Winterwunschkristall suchen.

Nach Alter: 3-7 Jahre

Nach Lesedauer: Ca. 5 – 10 Minuten

Ellas Wunsch | Teil 1/3

„Komm! Du musst dich einfach kräftig mit den Beinen abstoßen! Dann rutscht der Schlitten ganz von alleine!“ Unten am Hügel feuerten der Rabe Theo, Hase Max und Eule Martha ihre Waldwichtelfreundin Ella an. Ella fuhr sich mit dem Handschuh über die vor Kälte kribbelnden Nase. Das Kribbeln wollte aber nicht aufhören. Es breitete sich wie hunderte, wild tanzende Schneeflocken in ihrem Inneren aus und ließ die Knie des kleinen Waldwichtelmädchens schlottern. Immer wieder rutschte Ella mit dem Schlitten ein Stückchen vor und dann doch wieder zurück.

Hach, sie traute sich einfach nicht – schon wieder nicht. „Wir verschieben das auf morgen, ja?! Der Wind ist mir doch etwas zu kühl!“, rief sie ihren Freunden zu.

Verlegen kam sie ihnen entgegengetapst. Die Tiere empfingen sie mit aufmunternden Blicken. Sie kannten schon ihre ängstliche Ella. „Morgen schaffst du es. Ganz bestimmt! Wenn du möchtest, fahre ich auch bei dir hinten mit und halte dir die Augen zu“, versprach ihr Hase Max. „Mmhh“, murmelte Ella und zog traurig den Schlitten hinter sich her.

Am Abend saß Ella auf ihrem Lieblingsplatz: zu Füßen von Oma Trudi, die gemütlich in ihrem Schaukelstuhl wippte und dabei mit den Stricknadeln klapperte. „Was ist los, kleine Ellamaus? Willst du mir nicht verraten, warum deine Mundwinkel so weit nach unten verrutscht sind?“ Oma wusste immer gleich, wenn es ihr nicht gut ging.

Sie seufzte. „Ich traue mich all die tollen Sachen nicht, bei denen die anderen einen Riesenspaß haben. Ich wäre so gerne mutiger!“

Oma Waldwichtel schaute sie über die großen, runden Gläser ihrer Brille mit ernstem Blick an und sagte: „Dann musst du wohl den Winterwunschkristall finden.“ „Den was?“ Ella richtete sich auf. Ihre Neugier war geweckt. Oma lächelte geheimnisvoll. „Der Winterwunschkristall erfüllt dir genau einen Wunsch. Er erscheint nur im Winter. Um ihn zu finden, musst du pünktlich bei Sonnenaufgang an der dunkelsten Stelle des Waldes stehen. Und natürlich ganz fest daran glauben, dass er dich auch finden wird.“

Nach dem Frühstück eilte das Waldwichtelmädchen aufgeregt zu ihren Freunden. „Morgen wird eine ganz andere Ella Waldwichtel vor euch stehen! Eine mutigere“, schoss es sofort aus ihr heraus. „Ich werde mich heute Nacht auf die Suche nach dem Winterwunschkristall machen und der wird mir dann meinen sehnlichsten Wunsch erfüllen“, verkündete sie stolz und versuchte, dabei besonders entschlossen zu klingen. Sie atmete langsam aus, als sie die erstaunten Blicke der anderen sah und fügte nun doch etwas kleinlauter hinzu: „Möchte einer von euch mich begleiten?“

Eula Martha zwinkerte entschuldigend mit ihren gelben Augen. „Ich habe meiner Mama versprochen, auf meine kleinen Geschwister aufzupassen. Aber vergiss nicht, eine Laterne mitzunehmen! Auch im Dunklen musst du etwas sehen können, sonst stolperst du noch oder kommst vom Weg ab. Rabe Theo legte verlegen seinen Kopf schief. „Ich bin gerade dabei, mein Nest umzubauen. Aber vergiss nicht, dich in einen dunklen Umhang zu hüllen. So bist du gut getarnt und vor Kälte geschützt.

Auch vom Hasen Max bekam das Waldwichtelmädchen eine Absage: „Bei uns gibt es heute eine Möhrensuppe zum Abendbrot. Da kann ich unmöglich fehlen. Aber vergiss nicht, einen kleinen Rucksack mit Proviant mitzunehmen. Mit leerem Magen sucht es sich nicht so gut.“

Ella war etwas geknickt. Sie hätte gerne ihre Freunde an ihrer Seite gehabt. Vielleicht war es aber auch ganz gut so. Die Winterwunschkristallsuche war ein Abenteuer, das sie wohl allein bestehen musste. Sie bedankte sich bei Eule, Rabe und Hase für die guten Ratschläge und machte sich an die Planung.

Wer hat Angst im dunklen Wald? | Teil 2/3

Leise knirschte der frisch gefallene Schnee unter ihren Füßen. Sie schob die weit ins Gesicht gezogene Kapuze etwas nach hinten und warf einen letzten Blick auf das gemütliche Wichtelhaus. Darüber wachte ein schmaler Sichelmond am schwarzen Nachthimmel. „Du wirst mir heute Nacht wohl nicht sehr gut leuchten“, sagte Ella und zündete ihre kleine Laterne an. Sie wandte sich den dünnen, kahlen Baumstämmen vor ihr zu. Das Abenteuer konnte beginnen.

Im Schein der Laterne konnte sie ihre Atemwölkchen sehen. Sonst war alles um sie herum in ein dunkles Mausgrau gehüllt. Nichts war zu hören. „Es ist doch gar nicht so schlimm“, sprach das Waldwichtelmädchen sich selbst Mut zu und setzte ihre vorsichtigen Schritte etwas schneller fort. Da drang doch ein Geräusch an ihr Ohr. Zuerst ganz leise: ein Flügelschlagen. Dann ein aufgeregtes Flüstern, begleitet von einem Stampfen. Ella zog ihr Mäntelchen ängstlich enger um sich.

Dann zeigte sich das Untier: Ein dunkelschwarzer Schatten, der sie aus gelben Augen ansah, mit den Flügeln schlug, dem krummen Schnabel klapperte und den langen Ohren wackelte. Ellas Herz schlug wie wild. Diesmal jedoch nicht vor Angst, sondern weil der Mut wie ein wilder Fluss durch ihren Körper rauschte. Sie machte sich ganz groß, schlug ihren Mantel zurück, hielt die Laterne weit über ihren Kopf und rief: „Geh mir aus dem Weg, du olles Monster!“

Das Untier gab einen Schreckensschrei von sich und war mit einem Mal verschwunden. Aber das Waldwichtelmädchen traute der Ruhe nicht und schaute sich noch einmal nach allen Seiten um. Sie leuchtete mit der Laterne in einen Busch, der verdächtig wackelte.

„Bitte tu uns nichts! Du liebes, schönes Ungeheuer…mmmiiiit einem Buckel, Fledermausflügeln uuund einem Leuchtauge“, flehte da jemand mit zittriger Stimme. Ella schmunzelte. „Na das muss ich mir aber nochmal gut überlegen.“ Jetzt streckte Rabe Theo seinen Kopf aus seinen Flügeln heraus. „Ella!! Wir dachten…“ „Ich sei ein Monster? Wer hat mir denn geraten, einen Rucksack, einen dunklen Mantel und die Laterne mitzunehmen?“, lachte Ella etwas schadenfroh. „Außerdem habt ihr mich doch zuerst erschreckt!“

Hase Max war mächtig erleichtert. „Wir wollten dich doch nicht alleine auf die Suche gehen lassen und haben hier im Wald auf dich gewartet.“ Ella wurde ganz warm ums Herz. Sie schloss ihre Freunde in die Arme. Nun setzten sie die Suche gemeinsam fort.

Immer tiefer gingen sie in den Wald. Es begann zu schneien. Doch nur ein paar Flocken landeten auf ihren Köpfen. Die weißen Tupfen legten sich vorher auf die kahlen Äste der alten, knorrigen Bäume um sie herum. „Das muss aber jetzt die dunkelste Stelle des Waldes sein. Ich sehe nur noch grau und schwarz“, sagte Hase Max grummelig. Da brach ein rotes, warmes Licht durch die Zweige. „Die Sonne geht auf!“, rief Eule Martha.

Der Winterwunschkristall | Teil 3/3

Ella schloss die Augen und dachte ganz fest an den Winterwunschkristall und ihren besonderen Wunsch. Aber es wollte ihr nicht so recht gelingen. „Wo ist denn nun dieser Schneepunschkristall?“, fragte Rabe Theo ungeduldig. Ella strengte sich noch mehr an und kniff die Augen ein kleines bisschen fester zu. Da sah sie vor sich ein Bild von einem wunderschönen Sommertag: Sie pflückte zusammen mit ihren Freunden Kirschen und planschte mit ihnen im See.

Auf ihrem Gesicht breitete sich ein Grinsen von einem Ohr bis zum anderen aus. „Ich brauche mir gar keinen Mut zu wünschen, denn den habe ich heute Nacht schon bewiesen! Außerdem habe ich meine Freunde an meiner Seite“, dachte sich das Waldwichtelmädchen und sagte laut: „Ich wünsche mir, dass ich mit meinen Freunden immer zusammenbleibe und wir die tollsten Abenteuer erleben!“ Da wurde es mit einem Mal hell in ihrer Mitte. Eine kleine Leuchtkugel war erschienen. Daraus sprühten Funken, die sich zu einem hellblauen Eiskristall zusammensetzten. Die Freunde fassten sich an Flügel, Pfote und Hand und bestaunten den Winterwunschkristall.

Ja, das war ein guter Wunsch und er würde ganz bestimmt in Erfüllung gehen.

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Beitragsbild Kinderbuchautorin Anne-Katrin Paulke

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